Der Minnesang ist eine der interessantesten Epochen der deutschen Literatur- und Musikgeschichte, angesiedelt zwischen dem auslaufenden 12. Jahrhundert und dem Beginn des 14. Jahrhunderts. Minnesang - das Wort verbindet das damals gebräuchliche Wort für die Liebe (minna) mit dem "Sang", der damals üblichen Einheit von Dicht- und Sangeskunst.
Damals gehörte beides zusammen: Die Lyrik, aber auch längere Epen wie das Nibelungenlied, wurden in gesungener Form vorgetragen. Wie genau das geklungen haben mag, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Denn die Notenschrift war damals erst in den Anfängen begriffen und die Melodien wurden mündlich von Sänger zu Sänger weitergegeben. Einige Melodien in einer sogenannten Mensuralnotation überliefert, allerdings ohne Rhythmisierung - und natürlich, wie bei der mündlichen Überlieferung nicht anders zu erwarten, gibt es oft unterschiedliche Fassungen. In anderen Fällen, etwa bei der Liedersammlung "Carmina burana", wurden nur Auf- und Abbewegungen der Melodie notiert. In den meisten Fällen sind aber nur die Texte überliefert worden. Diese sind in diversen Spielarten des Mittelhochdeutschen aufgeschrieben worden.
Die Ursprünge liegen in Frankreich, wo eine spezifische, gesungene Liebeslyrik von den sogenannten Troubadours und Trouvères bereits ab Mitte des 11. Jahrhunderts an den Höfen vorgetragen wurde. Von diesen Troubadouren übernahmen die deutschen Minnesänger ihre Inhalte, ihre Formen und zumindest in der Anfangszeit sogar die Melodien. Zahlreiche Kontakte zwischen Angehörigen des deutschen und des romanischen Sprachraums entstanden während des zweiten Kreuzzugs in den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts. Das Ergebnis dieser Kontakte war eine kulturelle Befruchtung der deutschen Ritterdichtung: Französische Lieder wurden entweder übersetzt und nachgedichtet oder bestimmte "Töne", d.h. Strophenmelodien, wurden mit neuen Texten versehen.
Als Beispiel hier die erste Strophe eins der
bekanntesten Troubadour-Lieder, Bernhard de Ventadorns "Lied von der Lerche"
(im Alt-Provencalischen Dialekt) , das im Mittelalter als eine der vollkommensten
Melodien gefeiert wurde und uns auch heute noch direkt berührt.
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De joi sas alas contral rai, Que s'oblid' e.s laissa chazer Per la doussor c'al cor li vai, Ai! Tan grans enveya m'en ve De cui qu'eu veya jauzion, Meravilhas ai, car desse Lo cor de dezirer no.m fon. |
Die sich voll Lust zur Sonne schwingt. Sie kann vergessen, kann entflieh'n, Wenn Freude ganz ihr Herz durchdringt. Ach, oft bringt der Neid mir Schmerz, Weil mir das Glück nie ganz gelingt, Dass ich mich wund're, dass mein Herz, Nicht vor Begierde mir zerspringt. |
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>>> Das Lied auf CD: DINGO "Minne, traute Minne", I CIARLATANI "Codex Manesse", CATHERINE BOTT "Sweet Is The Song", STUDIO DER FRÜHEN MUSIK "Troubadours, Trouvères, Minstrels"
Im Text geht es um die Lerche, die am Himmel kreist und als Inbegriff der Freiheit und des Glücks gefeiert wird. Der Troubadour kontrastiert dies mit seiner eigenen niedergedrückten Stimmung. In sieben weiteren Strophen beschreibt er die Schönheit seiner Angebeteten und ihre Unbarmherzigkeit gegenüber seinem Werben. Die Verbindung von Naturphänomenen mit den eigenen Gefühlen ist etwas, das für den Minnesang ganz typisch ist: Ein großer Teil der Werke beginnt mit einer Beschreibung der Natur - Charakteristiska der Jahreszeit wie Blumen, Gras und Klee, Wald und Wiesen - werden aufgegriffen, um sie in Bezug zur eigenen Stimmung zu setzen. Entweder bejahend - nach dem Schema "Die Natur erblüht neu, da hüpft mir auch das Herz vor Freude". Oder verneinend - wie "Der Mai erfreut uns mit seinem Grün, aber ich bin traurig". Gleiches geht auch umgekehrt, etwa wenn Wizlaw von Rügen dem fallenden Laub und der sterbenden Natur die Wärme entgegensetzt, die er in Gegenwart seiner Herrin empfindet.
Mit dem Begriff der Herrin sind wir bereits beim zweiten konstituierenden Merkmal des Minnesangs: Der Sänger sieht sich in einem Dienstverhältnis zu der Frau, die er besingt. Jeder, der Liebeskummer und Liebesleid am eigenen Leibe erlebt hat, kann das Gefühl von geradezu sklavischer Abhängigkeit vom begehrten Subjekt nachvollziehen. Doch hier kam noch eine ganz materielle Komponente hinzu. Der Minnesänger fand meist bei Hofe Brot und Arbeit: Drei Viertel der Minnesänger waren sogenannte "Ministeriale" oder "Dienstmannen", ursprünglich unfreie Leute, die an einen adligen Herrn gebunden waren. Sie blieben dadurch unfrei, auch wenn sie es zu Vermögen bringen konnten. Dieser Makel hinderte bis weit in das 13. Jahrhundert hinein den Abschluss einer Ehe zwischen ihnen und einer adeligen Dame, die einen gesellschaftlichen Abstieg erlebt durch eine solche Verbindung erlebt hätte. Daran wurde auch festgehalten, als um die Jahrhundertwende herum viele dieser Dienstmannen den Titel eines Ritters erhielten.
Diese Abhängigkeit erklärt ein spezielles Phänomen des deutschen Minnesangs, das in Frankreich, wo es diese Form des Dienstes nicht gab und adlige Sänger oft von gleich zu gleich ihre Dame anschwärmten, nicht in diesem Ausmaß vertreten ist: Die Lieder zeichnen sich oft durch eine geradezu hündische Unterwürfigkeit gegenüber der edlen Dame aus. Ihre Vorzüge werden in den herrlichsten Farben gepriesen, jedes kleinste Lächeln von ihr wird dankbar entgegengenommen und gefeiert, gleichzeitig aber ist das unendliche Leid spürbar, dass es nie zu einer wirklichen Verbindung kommen kann. Doch in den Liedern, in denen es vordergründig um die unerreichbare Angebetete geht, spielt auch eine allegorische Komponente mit. Viele Interpreten deuten das Dienstverhältnis als Darstellung des Dienstes, den der Einzelne in einer festgefügten Ordnung geduldig seinem Herrn, seinem Land oder seinem Gott bzw. der heiligen Jungfrau zu verrichten hat. Sie sehen im Minnesang eher eine künstlerische Form von überindividuellem Inhalt, die das Muster der Klage des Einzelnen benutzt, um gesellschaftliche Grundkonstanten zu festigen. Wahrscheinlich enthalten beide Interpretationen einen wahren Kern: Ohne individuelles Fühlen und Erleben wird die raffinierteste Kunstfertigkeit blutleer wirken, ohne eine zeitgemäße, von gesellschaftlichen Konventionen geprägte künstlerische Ausdrucksform werden die tief empfundensten Werke kein Publikum und die Sänger keine Gönner gefunden haben.
Seine erste Blüte erlebte der Minnesang am Hof Heinrichs des 2., Herzog von Österreich und Bayern. Dichter wie Der von Kürenberg, Meinloh von Sevelingen und Dietmar von Eist entwickelten dort aus den romanischen Vorbildern langsam einen eigenständigen deutschen Minnesang. Ende des 12. Jahrhunderts verbreitete sich der Minnesang auch auf viele andere Höfe. Der Anspruch und die Kunstfertigkeit stiegen, langsam bildete sich ein einheitliches Modell des Minneliedes heraus. Der rheinische Königs- und Kaiserhof der Staufer um Friedrich Barbarossa und Heinrich VI ist nun das neue Zentrum. Hier entfalten sich die ersten Meister der Gattung wie Friedrich von Hausen, Heinrich von Rugge, Hartmann von Aue und Albrecht von Johannsdorf.