Von Knud Seckel
Erstveröffentlichung: Pax et Gaudium Nr. 15, Mai/Juni/Juli
2004
Welche Frau ließe sich nicht
gerne beminnen? Heutzutage ist dieses mittelalterliche Spiel immer noch
der Inbegriff von stilisiertem Liebeswerben, wenngleich aber selten praktiziert.
Es besteht nur noch die Vorstellung von „Ritterlichkeit“, in welcher der
„Held“ seiner Angebeteten zu Füssen liegt und der „Holden“ ein Liebesgeständnis
zuflüstert oder ihr ein selbstgedichtetes Lied anträgt - das
verbindet man heute mit Minnesang.
Herr Neinrich von Veldeke, der Autor des im Mittelalter sehr berühmten Romas "Eneit", stammte aus dem Limburgischen (heute Belgien). Er schrieb jedoch nicht nur diesen Roman nach französischem Vorbild, sondern auch Minnelieder. Bild:
Weingartner Liederhandschrift
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Kaum ein Bild des Mittelalters ist aber mit solchen Klischees behaftet wie der Minnesang. Seit dem Mittelalter erfährt der Begriff eine stete Wandlung, und so muss er immer wieder für unterschiedliche Fiktionen und romantische Vorstellungen herhalten. |
Im 12. Jh. schreibt „der Kürenberger“, einer der ersten deutschen Minnesänger: „...als warb ein schoene ritter umbe eine vrouwen guot, als ich dar an gedenke, sô stêt wol hôhe mîn muot.“ („es warb ein schöner Ritter um eine angesehene Frau, wenn ich daran denke so steht meine Gesinnung hoch“.)
„In hohem muot“, also in reiner Gesinnung den
Mann zu veredeln, ihn reif werden zu lassen für die höfische
Kultur, das ist das Ziel eines Lernprozesses, der den Frühling des
Minnesangs heraufbeschwor.
| Ursprünge des Minnesangs
Allen Theorien über die Wurzeln des Minnesanges gemein ist die Vorstellung dass er maßgeblich von den südfranzösischen Troubadouren beeinflußt wurde, die Ende des 11.Jahrhunderts beginnen diesen Gesang zu formieren. Die Frage jedoch bleibt, woher diese den Impuls bekamen. Die Wissenschaftler streiten sich um den Ursprung des Troubadourgesanges. Eine Erklärung führt ihn auf Vorbilder in der klasssisch-lateinischen Dichtung zurück. Ovid und Horaz, Theokrit und Vergil sollen die römischen Vorbilder für die Verse der Troubadoure sein. Ergänzend hierzu kommen die Klöster mit ihrer mittellateinischen Poesie ins Spiel, in der sich Vagantenlyrik (wie z.B. Invitatio Amicae, Carmina Burana) wiederfindet. Ein weiterer Ursprung wird in der volkstümlichen Dichtung der Frühlingstanzlieder (Mailieder) vermutet, die sich nach und nach mit höfischen Elementen durchsetzt. Alle diese Theorien wurden in ihrer Form unter dem Einfluss nationalstaatlichen Denkens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert formuliert, dadurch sind sie geprägt von einer „abendländischen“ Idee der Entstehung. Den Ursprung in den nicht-europäischen, islamischen Kulturkreis zu legen wird noch bis heute, gerade in akademischen Kreisen, heftig in Frage gestellt. |
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Die Theorie vom arabischen Ursprung
Spanisch-arabische Hofpoeten im 11.Jahrhundert
verfassen Huldigungen zu Ehren fürstlicher Frauen. Die Stellung der
Frau hatte im Al-Andal?s (der islamische Teil der iberischen Halbinsel)
eine Aufwertung erfahren. Literarische Quellen berichten von vornehmen
Frauen, welche die schönen Künste fördern und sogar selbst
als Dichterinnen hervortreten können.
Die spanisch-arabische Liebeslyrik erlebt
ihre Blütezeit in der Epoche der islamischen Kleinfürstentümer.
Diese bestimmen im 11.Jahrhundert das politische und gesellschaftliche
Bild der iberischen Halbinsel und werden zu Höfen von Wissenschaft,
Musik, Literatur und Poesie, dabei suchen sie sich gegenseitig an Glanz
zu überbieten.
Anfang des 11. Jahrhunderts lebt in Córdoba,
dem Zentrum des Al-Andal?s, Ibn Hazm al-andalusi, der auch als „Ovid“ der
Araber bezeichnet wird. Er schrieb um 1030 ein Traktat über die Liebe,
das „Tauq al-ham?ma“ („das Halsband der Taube“). Es enthält die vollendete
Betrachtung der Liebe in Theorie und Praxis und schildert dabei die menschlichen
Charaktere und Verhaltensweisen in Bezug auf die Liebe in all ihren Schattierungen
und Variationen.
„Ein junges Reh, dem vollen Monde gleich,
Der Sonne, die aus Wolken sich enthüllt,
Fing ein mein Herz mit Blicken seufzerreich
Und einem Leib, der Gerte Ebenbild.
Ich beugte mich, wie’s ein Verliebter tut,
hab mich erniedrigt, weil das Herz mir bricht.
Sei mein, Geliebte, doch wie’s recht und gut;
Denn sündhaft dir vereint sein mag ich
nicht.“
(Ibn Hazm al-andalusi)
Schon vor Ibn Hazm al-andalusi haben sich viele arabische Philosophen wie z.B. Mohammed ibn Ziyad ibn al Arabi (gest. 845, schrieb den „Diwan der Liebenden“) um die Liebe in ihren Variationen und Betrachtungen angenommen.
Höfische Kultur zwischen
Islam und Christentum
Ungeachtet der politischen und religiösen
Spannungen um 1100 (im Jahre 1096 begann der erste Kreuzzug) streben auch
die christlichen Fürsten im Norden der iberischen Halbinsel danach,
die glänzende Hofhaltung der arabischen Fürsten nachzuahmen.
Sie versammeln islamische Gelehrte, Dichter, Sänger, Tänzer und
Spielleute an ihren Höfen. Hier sind auch provenzalische Troubadoure
aus Südfrankreich zu Gast, wie Marcabru, Cercamon, Arnaut de Marcueil
und Peire Vidal, die ihre Eindrücke in die Provence zurücktragen.
Für die weitere Verbreitung dieser Liebeslyrik
kommen gleichermaßen auch muslimische Singsklavinnen aus dem islamischen
Süden Spaniens in Betracht, die als Geschenke oder gewaltsam bei Kriegszügen
als Beute in die nordspanischen Königreiche und nach Südfrankreich
gebracht wurden.
Interessant ist hierbei, dass nicht nur Musik
sondern auch viele Musikinstrumente im Mittelalter den Weg über die
iberische Halbinsel zu uns nahmen. (Fidel, Laute, Dudelsack, Schalmei,
Trommeln).
Eine Abbildung in den berühmten Cantigas
de Santa María aus dem 13.Jahrhundert zeigt einen christlichen und
einen muslimischen Spielmann, gemeinsam musizierend auf zwei Langhalslauten.
Dies zeigt wie nahe sich die Kulturen auch noch zwei Jahrhunderte später
stehen.
Troubadoure und Trouvères:
Der Siegeszug einer neuen Kunst
Die ersten schriftlichen Zeugnisse von Liebeslyrik
in Europa tauchen um 1100 mit Wilhelm von Aquitanien (1071-1127) in Südfrankreich
auf, der deswegen auch als der „erste“ Troubadour bezeichnet wird. An seinem
Hofe wurde auch Dichtung und Kultur arabischen Stils gepflegt.
Die Überlegungen des Andalusiers Ibn
Hazm al-andal?si fliessen in die Verse der provenzalischen Troubadoure
ein. Erstmalig tritt als Figur in die Liebesbeziehung eine dritte Person
ein, welche die Beziehung beurteilt. Sie stellt sich in der Person des
Hüters, Verleumders und Tadlers dar. Des weiteren kommen Themen, wie
die fruchtlose Werbung und das falsche Versprechen in der Liebe vor, die
sich so im Gesang der Troubadoure wiederfinden.
Zur frühen provenzalischen Minnelyrik
zählen die Alba (Tagelied), Kanzone (Minnelied im engeren Sinn), Sirventes
(Lied für einen Dienstherrn oder Frau), Kreuzzugslieder, etc.
Die nordfranzösischen Sänger, Trouvères
genannt, übernehmen Ende des 12.Jahrhunderts - angeregt durch ihre
Vorbilder im Süden - die Ausformungen dieser Liebesdichtung und ergänzen
sie mit eigenen Variationen (Rotrouenge, Rondeau, Ballette, Virelai, u.a.).
Deutscher Minnesang
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts kommt im
oberösterreichisch-bayrischen Sprachgebiet die erste deutsche Minnelyrik
in engerem Sinne auf, die uns mit „der von kürenberg“ überliefert
ist. „der von kürenberg“ ist uns nur als Name durch die Handschriften
bekannt. Sein berühmtes Falkenlied ist ein Wechselgespräch einer
Frau mit einem Mann. Die Erfahrung der Trennung und Vereinzelung der Liebenden
prägen den Dialog.
Dieser donauländische Minnesang ist noch
weitgehend frei von den romanisch-frz. Vorbildern. Diese ersten Zeugnisse
einer eigenen Lyrik und Epik im deutschen Sprachgebiet erfolgt auf Mittelhochdeutsch.
Noch ist das Bild des Geliebten frei von dem Bild der hohen Minne an eine
„reine frouwe“.
Rheinischer Minnesang: Zu seinen Wegbereitern zählt Albrecht von Johannsdorf. Bild:
Weingartner Liederhandschrift
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Rheinischer Minnesang |
Heinrich von Veldeke dichtet als einer der
wenigen auf Mittelniederdeutsch. Über ihn sagt der Sänger Gottfried
von Straßburg: „von Veldeke Heinrich, der sprâch ûz vollen
sinnen, wie wol sanc er von minnen! [...] er impfete das êrste rîs
in tiuscher zungen.“ („ Heinrich von Veldeke sprach mit ganzem Geist, wie
wohl sang er von Liebe! [...] er setzte den ersten Trieb in deutscher Sprache.“)
Hochhöfischer Minnesang
Reinmar der Alte, Hartmann von Aue und Wolfram
von Eschenbach weisen den Weg in einen neuen Sang, mit Bildern von Rittern,
untadelig in Ehre und Frauendienst. Diese Idee der Ritterlichkeit wird
auch in die Dichtung der überlieferten Heldenepen übernommen,
wie es z. B. das Nibelungenlied um 1200 zeigt.
Sogar Walther von der Vogelweide, auf dem
Höhepunkt des deutschen Minnesangs (1190- 1230) läßt sich
noch von jenseits des Rheines anregen. Sein berühmtes Palästinalied
ist eine Kontrafaktur der Melodie „Lanquand li jorn“ des Troubadour Jaufre
Rudel. Die Lieder Walthers müssen populär gewesen sein, wie das
lateinische Frühlingslied „virent prata hiemata“ in den Carmina Burana
beweist, denn eine Strophe seines Liebesliedes „So wol dir, meie, wie du
scheidest allez ane haz! [...]“ folgt auf den lateinischen Text. Diese
Strophe soll dem Leser die Melodie für das lateinische Lied vorgeben,
da das Lied Walthers als bekannt gelten konnte.
Späthöfischer Minnesang
(1210 – 1320)
Ab 1230 setzt mit den Liedern des Neidhart
eine Wende im Minnesang ein. Thema ist der Niedergang der höfischen
Welt. Er reichert seine Lieder durch derbe Sinnlichkeit und bäuerliche
Szenen an. Die Minnedamen des ritterlichen Sängers sind Bauernmädchen,
seine Konkurrenten Bauernburschen. Schauplatz ist das Dorf: Zum ersten
Mal in der deutschen Dichtung wird die bäuerliche Sphäre zum
Gegenstand der Handlung.
Die Sommerlieder erzählen von Bauernmädchen,
die beim Tanz im Freien die Gunst des Ritters erringen wollen. Die Winterlieder
entwerfen eine derbe Szenerie in der Bauernstube. Der Ritter ist der Werbende,
der von den Bauernburschen mit derben Worten angegangen wird.
Nachklang
Der Nachklang der Minnelieder reicht noch
über Hugo von Montfort und den Mönch von Salzburg in das frühe
15.Jahrhundert zu Oswald von Wolkenstein hinein.
Er war eine Abenteurernatur - als Reitknecht,
Koch und Ruderknecht in Byzanz, Persien, Afrika, Rußland, Flandern
und Spanien anzutreffen, wurde er später jahrelang in Haft gehalten.
Er starb auf seiner heimatlichen Burg in Tirol.
Mit ihm hält aber schon ein neues Verhältnis
von Autor und Lied seinen Einzug, des über sich, aus autobiographischer
Sicht vortragenden Sängers, der alles so erlebt hat und meint, wie
er es sagt. Das entspricht nicht dem Selbstverständnis eines Minnesängers.
Dennoch greift auch er zurück auf eine spezielle Form des Minnesangs
und schreibt einige Tagelieder (Erklärung siehe s.u.).
In Frankreich verlor die Troubadourkultur mit
den Albigenser- und Katharerkriegen 1209-1229 ihre Heimat, - die Spur der
Troubadoure verliert sich in Norditalien, wo sie die Dichter des Trecento,
Dante und Boccaccio inspirieren.
Auch am Hofe Alfons X. in Kastilien im 13.Jahrhundert
spürt man den Nachklang. Die Verehrung der „hohen frouwe“ transzendiert
in das Bild der Mutter Gottes und bewirkt ein Erstarken der Marienverehrung.
Hieraus entstehen Mariengesänge, die Cantigas de Santa Maria, der
Verehrung der unerreichbar hohen Gottesmutter Maria gewidmet.
Spielarten der Liebeslyrik
Das Lied im Minnesang hat zumeist die bis
heute übliche strophische Wiederholungsform, oft mit drei oder fünf
Strophen. Die Liedstrophe gliedert sich ihrerseits in den meisten Fällen
in zwei gleichgebaute ‚Stollen‘ und einen ‚Abgesang‘. Dies wird auch als
Kanzonenform bezeichnet. Die wichtigsten Sparten des Minnesanges seien
hierbei kurz erläutert:
Tagelied
Das Tagelied ist eine spezielle Form der mittelalterlichen
Lyrik. Es schildert – oft in drei Strophen – den Abschied zweier Liebenden
bei Tagesanbruch. Eine besonders beliebte Variante des Tageliedes war das
sogenannte Wächterlied, in dem ein eingeweihter Wächter den Ritter
zum Aufbruch mahnt. Wichtige Motive sind die Schilderung des Tagesanbruchs,
die Aufforderung zum Aufbruch, die Abschiedsklage und die letzte Hingabe
der Dame an den Ritter.
Pastourelle
In der Pastourelle tritt ein Ritter in Liebesbegehren
einer Schäferin gegenüber. Der darauffolgende anspielungsreiche
Dialog endet mit Sieg oder Niederlage des aristokratischen Verführers,
der die Begebenheit meist auch heiter-ironisch erzählt. Anklänge
dieses Genres finden sich auch schon bei Ovid und Vergil und in den Carmina
Burana.
Kreuzzugslieder
In die Zeit des Minnesanges fällt auch
die Zeit der Kreuzzüge, so finden wir etliche Troubadoure, Trouvères
und Minnesänger (Conon de Béthune, Friedrich von Hausen, Walther
von der Vogelweide, Neidhart von Reuenthal, u.a.) die ihrem Erlebnis der
Heerfahrt im Gefolge von Kaiser und Fürsten Ausdruck verleihen. Im
Zentrum steht meist der Widerspruch zwischen Gottes- und Herzensminne.
Eingekleidet in diesen Widerspruch verbirgt sich der Aufruf ins Heilige
Land zu folgen, denn „der Körper geht zum Ruhme Gottes, das Herz aber
bleibt bei der Dame“. Bisweilen fließen auch nachdenkliche Gedanken
über einen Kreuzzug mit ein. Neidhart sagt: „ ...mit keiser Vriderîches
her gevar ich wærlîch niemer mêr in solhen ungelingen
als mir wart ûf der verte kunt [...]“ („...Mit Kaiser Friedrichs
Heer fahre ich bestimmt nicht mehr in solchen Fehlschlägen, die mir
auf dem Weg begegneten [...]).
Überlieferung in Handschriften
Die Anzahl der Lieder, die uns durch Quellen
der Troubadoure, Trouvères und Minnesänger überliefert
sind, stehen nicht repräsentativ für deren tatsächliches
Schaffen. Den 260 überlieferten Melodien der Troubadoure stehen 2000
Melodien der Trouvères gegenüber. Die Minnesänger können
nur mit ganz wenigen, eigenen Melodien ergänzen. Im deutschsprachigen
Raum ist uns einzig mit Neidhart, dank seiner lang anhaltenden Popularität,
eine sehr gute Melodienüberlieferung in den Quellen gegeben. Bei vielen
anderen Minnesängern sind die Texte aber ohne Notennotation überliefert.
Vielfach können wir aber über biographische Bezüge, Metrik
und Motive der Gedichte Einflußnahmen von romanischen Vorbildern
erkennen. Diese Verbindungen erlauben es uns die fehlenden Melodien aus
dem reichen Schatz jenseits des Rheins zu schöpfen und so der Lyrik
der Minnesänger die verlorenen Töne wiederzugeben.
Herr Reinmar von Hagenau, auch Reinmar der Alte genannt, war der große Konkurrent Walthers von der Vogelweise, seines Schülers. Er gehört zu den Klassikern des Minnesangs. Bild:
Weingartner Liederhandschrift
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Stellung des Minnesängers |
Frauen als Sängerinnen
Fast möchte es den Anschein haben, als
pflegen im Mittelalter nur die Männer ihren poetischen Liebesschmerz.
Aber dieser Eindruck täuscht. Auch die Frauen, Trobairitz genannt,
widmen sich der Minnelyrik. So verliebt sich einst die Comtessa de Día
in den Grafen von Orange, der sich seinerseits sehr zurückhaltend
und abweisend zeigt. Als er ihr versichert, er meide sie, um ihren guten
Ruf nicht zu gefährden, hat sie zunächst nur Hohn und Spott für
den Grafen übrig. Doch kurze Zeit darauf übersendet Beatriz ihm
folgende Canzone, in der sie darüber klagt, daß ihr weder Tugend
noch Adel nutzt:
„Was bewirkt denn noch meine Anmut und Schönheit?
Laßt mich wissen, mein schöner
und edler Freund,
was macht Euch so hart und herzlos gegen mich?
Habe ich Euch verletzt oder ist es Hochmut
und böser Wille?
Aber ich sage Euch auch,
daß der Stolz schon vielen Menschen
Unglück gebracht hat!“
Ästhetische und Erzieherische
Funktion des Minnesangs
Die neue Form der höfischen Liebe kann
folgendermaßen umschrieben werden:
es gibt eine verheiratete Dame (aus Lateinisch
domina - Herrscherin), in die sich ein junger Mann in ihrer Umgebung unsterblich
verliebt. Die Dame ist fern, unzugänglich, umgeben vom Mystizismus.
Diese Traumliebe gewährt der Frau eine gewisse Macht. Die Liebe wird
eine Kunst, eine Verzückung der Seele und ein köstliches Leid.
Dieses kulturelle Modell etabliert sich in
aristokratischen Kreisen quer durch das europäische Mittelalter und
verbreitet sich in alle sozialen Schichten. Es verhalf der Beziehung zwischen
Männern und Frauen in der Gesellschaft des Abendlandes zu einer eigentümlichen
Wendung. Es verfeinerte das männliche Verhalten und die Ehepolitik
der Familien. Diese Praktiken, die aus der höfischen Liebe stammen,
unterscheiden unsere Kultur noch heute am stärksten von anderen. Die
Höflichkeit und Ritterlichkeit im Umgang miteinander, die Verehrung
und Hofierung einer Dame entstammen aus der Idee des Minnesangs und sind
bis heute im modernen Alltag fest verankert geblieben.
Lesetipps:
Dietmar Rieger, Lieder der Trobadors, Reclam
1989, ISBN 3-15-007620-X, ca. €4,-
Dietmar Rieger, Lieder der Trouvères,
Reclam 1983, ISBN 3-15-007943-8, ca. € 4,-
Friedrich Neumann, Deutscher Minnesang, Reclam
1954, ca. € 4,-
Carmina Burana, dtv klassik 1995, ISBN 3-423-02063-6,
ca. € 20,-
Literatur:
Codex Manesse, Die grosse Heidelberger Liederhandschrift,
zweite Auflage Hrsg. Hellmut Salowsky, Universitätsverlag C. Winter
Heidelberg 1995, ISBN 3-8253-0369-1
Menéndez Pidal, Ramón; Poesía
árabe y poesía europea; Colleccíon Austral, Madrid
1973; ISBN 84-239-0190-4
Moser, H.; Des Minnesangs Frühling; 37.,rev.
Aufl. 1982; Verlag S.Hirzel Stuttgart, ISBN 3-7776-0386-4
Handschriften
Hs. B; Weingartener Liederhandschrift (Anf.
14. Jahrhundert, geschrieben in Konstanz) Württembergische Landesbibliothek
Hs. C; Codex Manesse, Große Heidelberger
Lhs., Cod. Pal. Ger. 848 der Universitäts- bibliothek Heidelberg (Codex
Manesse wird sie wegen des vermuteten Zürcher Auftraggebers
Manesse gennant).
| ZUM AUTOR
Knud Seckel ist bekannt durch Ensembles für frühe Musik (Trecento, Wünnespîl, Minnesangs Fruehling, als Solist und Gast, z.B. Wildwuchs). Er studierte Kunstgeschichte, Romanistik und Musikwissenschaft in Heidelberg, Grenoble (F) und Sevilla (E). Sein besonderer Schwerpunkt ist die Musik und Lyrik des höfischen Mittelalters mit deren außereuropäischen Einflüssen aus der islamischen und jüdischen Kultur. Die CD „ich zôch mir einen falken“ von „Minnesangs Fruehling“ zeichnet anhand von Liedern der Troubadoure, Trouvères und Minnesänger den Weg der Minnelieder von der iberischen Halbinsel in den deutschen Sprachraum nach. Knud Seckel war Teilnehmer beim Minnesänger-Wettstreit 2005 auf Burg Falkenstein und wird bei der Veranstaltunge am 25.8.2007 auf Schloss Spangenberg erneut teilnehmen. |
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