Knud Seckel

MINNESÄNGER-WETTSTREIT 2007
Interview mit dem Doppel-Sieger Knud Seckel

Am 25.8. fand der dritte deutschlandweite Minnesänger-Wettstreit statt - präsentiert von Karfunkel und www.minnesang.com. Ort war diesmal das Schloss Spangenberg, Veranstalter der Kultursommer Nordhessen. Der Sänger Knud Seckel errang dabei den Hauptpreis und den Publikumspreis. Dr. Lothar Jahn sprach aus diesem Anlass mit dem rührigen Mittelaltermusiker.

Lieber Knud, der Hauptpreis und der Publikumspreis gingen in Spangenberg an Dich, die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine titelte "Superstar desMittelalters" - wie fühlt man sich dabei?
Ich muss zugeben, ich war ein wenig überrascht über die Entwicklung an diesem Abend, gleich zwei Preise, das ist natürlich ein überwältigendes Gefühl - voller Bestätigung für seine eigene Musik. Musikalisch bin ich ja schon lange unterwegs, aber solche Abende vergisst man wahrscheinlich nicht so schnell. Als Künstler lebt man natürlich auch von und für sein Publikum, welches einen bei Konzerten hört.

Nach deinem zweiten Lied tobte und johlte die Menge und das Ergebnis zeichnete sich schon ab. Wie erklärst du selber Dir den großen Erfolg?

Das Publikum an diesem Abend war grandios. Ein aufmerksames aufgeschlossenes Publikum – im sommerlauen Schlosshof – das alles geriet zu einer ganz dichten Atmosphäre. Ich fühlte mich darin ganz eingebettet und genoss es meine Musik dahineinzugeben.
Ich hatte für diesen Abend ganz bewusst auf Kontraste gesetzt, für jede der beiden Hälften ein ganz anderes Lied in Ausdruck und Instrumentierung gewählt. In der ersten Hälfte das eher innig, verhaltene „diu werlt was gelf rot unde bla“ mit zwei Harfen begleitet und im zweiten Teil mit Drehleier und dem ganzen tutti begleitet, die tänzerisch, beschwingte Interpretation von „unter der linden“ mit direkter Überleitung in das französische Trouvèrelied „en mai“. Das stimmte irgendwie.

Du warst ja beim ersten Minnesänger-Wettstreit auf Burg Falkenstein in Bayern 2005 auch dabei. Was war diesmal anders?
Vielleicht bin ich den zwei Jahren souveräner geworden, ich denke auf alle Fälle hatte ich in Spangenberg dieses Jahr mein Publikum besser erreicht. Vielleicht lag es auch an den unterschiedlichen Interpretationen der beiden Lieder in Pflicht und Kür, die die Bandbreite meiner Interpretation aufzeigten.

Wie war das Verhältnis zu den Sängerkollegen in Spangenberg?
Wie vor zwei Jahren war es wieder total nett mit den Kollegen zusammenzukommen, über Minnesang heute sich auszutauschen. Auch die abendlichen Beisammensein mit Musik sind dabei natürlich zu erwähnen.

Im Mittelpunkt des Spangenberger Sängerstreits stand Walther von der Vogelweide. Hast du eine persönliche Beziehung zu Walther - was reizt
Dich an ihm?
Persönlich kenne ich ihn natürlich nicht, doch kommt er mir manchmal sehr nahe vor. Walther von der Vogelweide hat eine grosse Spannbreite von Literatur hinterlassen, wie kein anderer. Man wird in allen Bereichen fündig, von der politischen Einmischung in das Reichsgeschehen über Lieder von Lebensweisheit bis hin zu den Minneliedern, die von hoher wie auch niederer Minne berichten. Da ist alles geboten und als Sänger kann man aus dem Vollen schöpfen.

Gibt es andere Dichter des Minnesangs, die für Dich eine besondere Bedeutung haben?
Auf alle Fälle ist da natürlich Neidhart aus dem Reuental zu nennen, den man auch heute noch wunderbar verstehen kann in seiner drastischen Sprache und vor allem gibt er genügend Notenmaterial vor, welches man sehr ansprechend interpretieren kann. Er ist sicherlich der „Popstar“ des Mittelalters gewesen. Seine Melodien perlen heute genauso wie früher sehr gefügig über die Saiten, das macht grosse Freude. Es gibt auch eine ganze Reihe anonymer Texte, die mir sehr am Herzen liegen, darunter finden sich auch die Juwelen der mittelhochdeutschen Dichtung wie „Du bist mîn, ich bin dîn“, etc. Inhaltlich bin ich aber auch an den Dichtern interessiert, die aus der romanischen Kultur die Impulse in die Minnelyrik hineingebracht haben, wie z.b. Friedrich von Hausen oder Otto von Botenlauben. Dabei ist sicherlich auch Wolfram von Eschenbach zu nennen, der sich mit seinem Parzifal stark an dem französichen Vorbild orientiert.
Bisweilen singe ich auch Oswald von Wolkenstein , der ist nun aber eigentlich kein Minnesänger mehr, obwohl er auch Minne- und Tagelieder geschrieben hat. Er stellt eine Art Bindeglied zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit dar, da er realistische Gegebenheiten besingt, die eben nicht wie in den Minneliedern zumeist nur eine erdachte Situation beschreiben.

Sehr schön sind ja Deine Verweise auf die romanischen Ursprünge und Einflüsse. Auf deiner CD "Minnesangs Frühling" kombinierst du ja an
vielen Stellen die Kontrafaktur mit dem "Original", auch in Spangenberg war ja die Verbindung von "Under der linden" und "En mai" sehr geglückt.
Warum machst du das?
Die höfische Kultur bei uns, mithin auch der Minnesang wäre ohne das französische Vorbild nie so entstanden. Die frühen Minnelieder sind ja vielfach auch Kontrafakturen von französischen Liedern. Die Sänger haben sich zu besonderen Anlässen, wie Hoftage oder Krönungen getroffen und sich gegenseitig gehört. Die französische, höfische Kultur war einfach eleganter und strahlte daher nach Deutschland aus. Da liegt es nahe diese Kontrafakturen und das Original zusammen in ein Lied zu bringen.
Sicher steckt dahinter auch meine eigene Vita, denn ich bin nahe der französischen Grenze gross geworden und habe vor 20 Jahren lange Zeit dort gelebt. Mein Leben ist seitdem im Alltag auch stark „romanisiert“.

Knud Seckel WartburgDu bist ja in diesem Jahr auch schon zum zweiten Mal bei der Veranstaltung "geteiltez spil" auf der Wartburg dabei. Wie ist es, in diesen heiligen Hallen zu singen?
Das ist ein tolles Gefühl, im Palas der Wartburg zu stehen und zu singen, denn zumindest die Legende will es ja so dass sich hier die bedeutendsten Minnesänger trafen. Da entspinnen sich von alleine Gedanken und man fühlt sich dem Musikerhimmel ein wenig näher.

Beschreibe doch mal kurz, wie du dir deine Stücke auswählst und auf welche Weise du sie dir erarbeitest!
Meistens ist es so, das ich ein „Projekt“ habe, bei dem ich über ein Thema oder  Sänger etwas singen soll. Also fange ich an zu recherchieren, was gibt es da, was hat der alles geschrieben, wozu gibt es Noten, welche Texte passen in das Konzert und zur Thematik und so weiter...  Gibt es Noten, so müssen diese in der Regel aus einer diplomatischen Übertragung (Noten ohne Länge auf Linien gesetzt) in ein modernes Notenbild interpretiert werden (Metrum, Geschwindigkeit, Tonhöhe, Halbtöne, etc.) Darin liegt schon ein bestimmter Interpretationsspielraum, den man ausschöpfen kann. Dann überlege ich mir welches meiner Instrument passt am besten zur Melodie (Drehleier, Harfe, a capella, etc.) Dann versuche ich die Bögen der Sprache und der Musik miteinander zu verweben, dass Musik dabei entsteht, denn die sind ja nicht die Töne allein, sondern das Gefühl und die Bögen, die darin liegen..

Zu "Diu werlt was gelf" hast du eine wunderschöne Eigenkomposition zur Vertonung gewählt statt der gebräuchlichen Kontrafaktur. Warum? Und waswar dabei dein kompositorischer Ansatz?
Da das Lied keine direkt überlieferte Melodie hatte, ist es ein durchaus probates Mittel, auch Eigenvertonungen im Stile mittelalterlicher Melodien zu entwickeln, ganz nach dem Prinzip der Trobadors (trobare (okz.) = (er)finden). So habe ich mich bei diesem Lied ganz intuitiv hingesetzt den Text gelesen und beim Lesen entstand die Melodie, quasi als übersteigerte Satzmelodie. Das ist ja genau das, was die Musik immer tut in der mittelalterlichen Musik, den Text (unter-)stützen. Diese Melodie sollte dann natürlich den Strukturmerkmalen der mittelalterlichen Musik entsprechen (Ambitus, Tonart, Metrum, etc.)

Die Märkte werden immer stärker musikalisch dominiert von lautstarken Musikanten mit nackten Oberkörpern. Was sagt ein Mann des kultivierten Klanges zu dieser Entwicklung?
Eine Facette der Rockmusik in Deutschland ist sicherlich dieses „Unplugged“, welches sich am Fundus mittelalterlicher Melodien bedient. Ich finde das völlig in Ordnung solange die Interpretation dieser Melodien musikalisch bleibt, nicht  seelenlos nachgespielt wird und die schiefen Töne mit dem Prädikat „authentisch mittelalterlich“  entschuldigt werden. Man kann auch auf alten Instrumenten sauber spielen... Sie darf wegen mir  aber getrost auch Rock-/WorldMusic genannt werden.
Die Musik des Mittelalters wird in diesem Zusammenhang auch gerne als „frühe Musik“ bezeichnet in Abgrenzung zur „alten Musik“, die eigentlich eher die Barockmusik meint und zur Unterscheidung von (neo-)mittelalterlicher Musik.

Gab es bei Dir einen geraden Weg zur Musik des Minnesangs oder bist du musikalisch früher auf anderen Pfaden gewandelt?
Ich habe früh schon die verschiedenen traditionellen Musikrichtungen in  Europa kennengelernt (irische, schwedische, französische, spanische, Balkanmusik, u.a.). Zwangsläufig kommt man da auch zu seinen eigenen Wurzeln, die im Deutschfolk der 80er wieder ausgegraben wurden. In dieser Zeit spielte ich viel Gitarre, Mandoline, Geige und Drehleier, auch ein kleiner Ausflug in einem ev.Posaunenchor mit Trompete war dabei.
Das reichte mir aber nicht, so fing ich an Romanistik und Musikwissenschaft zu studieren. Nebenher verfolgte ich ein Gesangsstudium in Mainz. Dabei kam die Musik des Minnesangs immer stärker in den Vordergrund, angestossen durch Seminare an der Uni Heidelberg über Sangspruchdichtung und Minnesang. Die Verehrung des Weiblichen, als Kult- und Lebensstil entwickelte sich in dieser Zeit.

Welche Musik hörst du denn in Deiner Freizeit?

Ich liebe vor allem Vokalmusik, da ist mir die Epoche fast gleich, das hängt ganz von der eigenen Stimmung ab. Das kann von Gregorianik über Motetten und Renaissancemusik, bis hin zu den Oratorien und Comedian Harmonists oder experimenteller Musik gehen. Die Stimme ist für mich einfach das stärkste Instrument des Menschen – persönlich, emotional und direkt.
Weiterhin spiele und höre ich viel französisch/bretonische (Tanz-)Musik, teilweise auch Rai-musik, Flamenco oder Sevillanas bis hin zu sefardischer Musik oder arabo-andalusischer Musik. Natürlich höre ich auch sehr viel Drehleiermusik, von früher Musik bis hin zu Jazz.

Gibt es einen künstlerischen Traum, den du dir irgendwann noch einmal verwirklichen möchtest?

Zum Einen möchte ich gerne die Cantigas de Santa Maria auf Deutsch übersetzen, da es noch keine Übersetzung gibt.
Zum Anderen würde ich gerne das gesamte mittelhochdeutsche Nibelungenlied und den Parzival auswendig können, diese dann über eine Woche verteilt abendfüllend aufführen, ähnlich den Bayreuther Festspielen. Desweiteren trage ich den Plan eines Musicals mit mittelalterlicher Handlung und Musik in mir, den ich irgendwann noch einmal umsetzen möchte. Da  könnten die Lieder in mittelhochdeutsch gesungen und die gesprochenen Passagen auf Hochdeutsch gehalten sein. Die Handlung sollte sich an ein mittelalterliches Liebesepos anlehen, Material dafür gibt es ja genug. Es gibt mittlerweile ein paar Musiker, die gute Musik mit schauspielerischer Souveränität verschmelzen können... Da könnte dann alles darin vorkommen von Solopassagen über Tutti-Sequenzen bis hin zu Tanzszenen. Ein Traum für mich wäre es sicherlich auch, wie ein Minnesänger vor 800 Jahren mal einen Monat lang zu reisen und zu erleben, wie es denn wirklich war als Sänger an einem Fürstenhof oder auf dem Dorfanger.

Dann wünschen wir Dir, das wenigstens ein Teil der Träume wahr wird!



Knud Seckel