AUF SIEGFRIEDS SPUREN
Interview mit dem Minnesänger Knud Seckel

Knud SeckelIm Juni 2008 fand auf Schloss Alsbach die Premiere von Knud Seckels neuem Bühnenprogramm statt: Er widmet sich abendfüllend dem Nibelungenlied. Dr. Lothar Jahn von www.minnesang.com interviewte den erfolgreichen Minnesänger zu den Hintergründen seiner Arbeit an dem Epos.

Das Nibelungenlied als Bühnenprogramm eines Solo-Sängers: Das ist ein mutiges Unterfangen mit vielen Fallstricken. Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?
Knud Seckel: Ich habe ja schon seit einiger Zeit Erfahrung bei Solokonzerten gesammelt, die Thematik schwang da am Rande immer auch mit. Des Öfteren zitiere ich auch Kriemhilds Traum in solchen Konzerten, um den Raum des reinen Minnesangs noch in Richtung Epen zu erweitern. Daher hatte ich immer auch schon überlegt, wie es möglich wäre, das Nibelungenlied auf die Bühne zu bringen. Nicht zuletzt wohne ich am Rande des Odenwaldes - fiktiver Ort grosser Teile des Geschehens. Dies formt in der Gegend hier natürlich auch einen ganz anderen Zugang zu der Materie, wenn man sich die Landschaft zum Geschehen vorstellen kann.

Das Nibelungenlied ist ja sehr, sehr lang. Du bringst sicher nicht den ganzen Text dar - oder muss man sich auf eine Nachtschicht einstellen?

Nein, natürlich nicht, ich habe den Text und die Handlung komprimiert. Das geht ganz gut, da es ja an vielen Stellen auch Ausschmückungen, Abschweifungen und Wiederholungen gibt, die dem mittelalterlichen Zuhörer die fehlenden Bilder ersetzen sollten. Und nicht zuletzt sollte es auch ein Programm werden, welches an einem Abend aufgeführt werden kann. So habe ich mich auch auf den ersten Teil des Nibelungenliedes beschränkt, die ersten neunzehn Âventiuren bis zum Tode Siegfrieds. Aber reizvoll wäre es schon alle 2379 Strophen aufzuführen, das dauert gesungen um die 20 Stunden...

Nach welchen Kriterien hast du gekürzt?
Ich habe versucht den Hauptstrang der Handlung herauszuarbeiten, also den Burgunderhof in Worms, die Brautwerbung Siegfrieds, die Brautfahrt von Gunther nach Island, die Doppelhochzeit von Gunther/Brunhild und Siegfried/Kriemhild, der Zwist und den Tod Siegfrieds durch Hagen und Versenkung des Hortes der Nibelungen im Rhein. Dabei habe ich Nebenschauplätze wie z.B. der Krieg gegen die Sachsen, die Beschreibung der Eltern Sieglinde und Siegmund knapp gehalten, da sie weder Dramatik haben, noch den Handlungsstrang vorantreiben. Letzlich habe ich um jede Strophe gerungen, mir immer wieder die Frage gestellt: "Brauche ich diese Strophe wirklich für das Verständnis, baut auf ihr anderes auf und nicht zuletzt ist der Text für Nichtgermanisten auch verständlich?" Letzteres habe ich dann dadurch gelöst, dass ich erzählende Passagen auf Hochdeutsch einstreue, um die Handlung zu raffen und dem geneigten Hörer die Chance zu geben wieder in das Geschehen zurückzufinden.

Gesungen wird das ganze ja seit Eberhard Kummer auf den Hildebrandston, der uns aus dem 16. Jahrhundert überliefert ist. Die Melodie ist von großem Reiz, das steht außer Frage. Aber: Ein ganzer Abend mit nur einer Melodie - ist da die Langeweile nicht vorprogrammiert? Was tust du, um das Publikum wach zu halten?
Im Vordergrund steht natürlich die Sprache. Die Melodie unterstützt, wie es in historischer Aufführungspraxis üblich ist, die Sprache, hinter der sie scheinbar verschwindet. Der Hörer folgt vor allem dem Wort und erfährt die Melodie als Mittel der Dramatisierung. Bei der Aufführung kommen Symphonia (Drehleier des 13.Jh.), gotische Harfe, Langhalslaute und Percussion zum Einsatz. Ich verändere schon allein durch andere Instrumente, Harmonisierung, Tonhöhen, und Modi die Melodie derart, dass keine Langeweile aufkommt. Kritische Hörer haben mir das auch bestätigt. Und nicht zuletzt spiele ich an einigen Stellen auch noch instrumentale Intermezzi, sodass auch nicht nur Sprache erklingt.

Was reizt dich überhaupt an den Nibelungen?
Vielleicht ist es ein Kindheitstraum, da ich mal eine Platte "Siegfried" hatte. Die habe ich rauf und runter gehört, ein nach wie vor geniales Hörspiel, finde ich. Das Thema hat mich daher schon mit sechs Jahren erreicht und ich habe es dann einfach auch mal gelesen. Diese Mixtur verschiedener Sagenstoffe vermischt mit höfischer Minne, bildet eine normale höfische Gesellschaft ab, die dennoch vom Magischen durchdrungen zu sein scheint, da es mit Siegfried und Brünhild zwei Figuren mit übernatürlicher Kraft gibt. Mittelalter, wie es in den Köpfen der Menschen vor 800 Jahren lebte...

Nibelungenlied

Man sagt ja, es sei etwas Urdeutsches, das im Nibelungenlied zum Tragen kommt: Diese Treueschwüre bis zum Tod, dieses Weiterkämpfen selbst im Angesicht des eigenen Untergangs. Und dieser edle, starke Siegfried, als Opfer heimtückischen Verrats, Sinnbild für viele deutsche Traumata und dieses weithin vorherrschende Grundgefühl, trotz Großmut und Güte vom Schicksal furchtbar benachteiligt zu werden! Wird dir dabei nicht manchmal etwas mulmig, vor allem gegen Ende des Epos?
Nun ja, die Nibelungentreue hat sich als Begriff bis heute gehalten, ich persönlich bin da nicht so sehr von der Ideologie und der Vereinnahmung durch das Dritte Reich beeinflusst. Ich sehe die Figuren nicht so stark im  Blut-und-Boden-Denken verankert, wie das in der Romantik und in der jüngeren Geschichte der Fall war. Das ist die Brille durch die wir die heutige mittelalterliche Geschichte wahrnehmen. Ich sehe das Epos vor allem als Abbild des Rittertums, bei dem Treue und Ehre einen eigenen Stellenwert hatten, was durch das Epos eben auch zum Ausdruck kommen soll. Das ist nicht Deutsch, sondern eher mittelalterlich. Ich habe meinen eigenen Zugang zu diesem Stoff und versuche unter dieser "Geschichtsbrille" durchzusehen.
Siegfried ist ein toller, begehrenswerter Mann, der "Sonnyboy", dem alles zufällt. Doch ist er hochmütig und schenkt tragischerweise seiner Frau Kriemhild den Gürtel und den Ring, was ihm und allen zum Verhängnis wird. Brünhild wird auch betrogen und fordert zu Recht Genugtuung. Kriemhild als Siegfrieds Gattin ist naiv genug, Hagen die Stelle zu nennen, an der er verwundbar ist. Siegfried als der Herausgeforderte sieht nicht die Falle und rennt angestachelt, um seine Kraft zu zeigen, in voller Rüstung zur Quelle in den Wald und Hagen nimmt dann den Speer und vollendet seine Tat. Überheblichkeit und Naivität führen in den Untergang. Das ist für mich die Kernaussage. Mulmig wird mir da nicht, der zweite Teil ist aber zugegebenermassen wenig erbaulich...

Viele kennen die Nibelungen ja vor allem durch den "Ring". Hast du einen Zugang zu den Werken Richard Wagners? Was fällt dir auf beim Vergleich mit den mittelalterlichen Vorlagen?
Ich bin kein extremer Wagnerianer, doch habe ich das mit Interesse verfolgt, was Richard Wagner sich da an Stoff rauszieht für seinen "Ring". In der Götterdämmerung kommt er dem Original phasenweise ja näher, aber als Referenz und Quelle für eine eigene Aufführung spielt es für mich keine Rolle.

Wird es eine CD zum Nibelungenlied geben? Wenn ja: Was hast du für ein Konzept?
Ich plane eventuell eine CD. Vorher muss ich aber das vorhandene Programm von 90 Min. noch leicht komprimieren, oder ich werde die Instrumentalstücke weglassen. Ich beschränke mich aber erst einmal auf die ersten neunzehn Âventiuren, da ich ansonsten eine Doppel-CD machen müsste. Vielleicht wird es ja dann eine zweite CD geben, falls die erste auf grossen Zuspruch stößt.

Stehen schon weitere Auftrittstermine fest?
Ich habe konkret schon zwei Termine im Bereich des Odenwaldes, der eine in Gross-Umstadt im Pfälzer Schloss am 10.10 und den anderen nächstes Jahr in Erbach im Schloss, evtl. auch ganz im Norden in der Lütjenburg bei Kiel. Das ist aber noch offen.
Ansonsten habe ich ja auch noch meine Programme mit Minnesang, dem Camino de Santiago, Musik der drei Kulturen aus Al-Andalus und nicht zuletzt Tanzmusik.

Handschrift Nibelungenlied


>> Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos, das zu Beginn des 13. Jh. entstand und auf mittelhochdeutsch von einem anonymen Autor aufgeschrieben wurde (wahrscheinlich in Passau). Es fußt auf einer weitverbreiteten Sage, die sich um die Zerschlagung des Burgunderreiches im Raum von Worms im 5. Jh. rankt.

>> Knud Seckel lebt in Alsbach. Er ist bekannt durch seine Mitarbeit in Ensembles für Frühe Musik (Trecento, Wünnespîl, Minnesangs Frühling, Wildwuchs) und als Minnesänger bei zahlreichen Veranstaltungen. Er studierte Kunstgeschichte, Romanistik und Musikwissenschaft in Heidelberg, Grenoble (F) und Sevilla (E). Sein besonderer Schwerpunkt ist die Musik und Lyrik des höfischen Mittelalters mit deren außereuropäischen Einflüssen aus der islamischen und jüdischen Kultur. Er gewann 2007 beide Preise beim Minnesänger-Wettstreit von Karfunkel und www.minnesang.com auf Schloss Spangenberg. Mehr über Knud Seckel: www.minne-saenger.de