DER WILDE ALEXANDER

Der eventuell aus Alemannien stammende Dichter, auch "Meister Alexander" genannt, findet sich nicht nur in der Manesse-Handschrift, wo er sich auf einem Bild als wilder Reiter im roten Gewande präsentiert, sondern auch in der Jenaer Handschrift. Er dichtete Ende des 13. Jahrhunderts, liebte Texte voller Rätsel und dunkler Bilder und verwies auf die tieftraurige Tradition des frühen Minnesangs bis Reinmar von Hagenau, dessen berühmtes Ostertag-Motiv er in seinem Lied "Der meie ist komen gar wunneclîch" er - im Gegensatz zu Walther, der dieses Bild harsch kritisierte - zustimmend zitiert. Mit dem folgenden Lied, das auch mit einer wunderbar melancholischen Melodie überliefert ist, stellt er erneut die für den Minnesang so typische Verbindung von Liebe und Leid heraus.
 
 

ACH UND WEH
 
Owe daz nach liebe gat
leit so man ez tribe
nu wil mynne und ist ir rat
daz ich da von scribe
Sie sprach selle wider mich
scrib daz leyt ob allem leyde.
swa sich lieb von liebe scheide
trurich und unendelich 

Miner frowen unde mir
wil ich dis leit schrieben
si lebet mir so leb ich ir
unde kunnen vertriben
ouch mit iamer unser klage
minne wil unde kan gebieten
daz wir uns dur si genieten
kurzer fröide unde langer tage

Do minne mir stiure enbot
unde wer wir da beide
emsa,emt om dem fröiden tot
e daz wir sus mit leide
ouch des todes muosten wesen
schone minne frowe schone
tobe nith so mit dime lone
toete mich la si genesen

Toete mich unde la si leben
nein ich enwil sprach minne
ich wil minen schiltgeuerten geben
verlust unde ouch gewinne
aso stet an dem brieve min
daz ich minne niht enhiesse
ob ich unverseret liesse
zwei die lieb ein ander sin

Mir were ein iar alsam ein tag
so wir ensament weren
miner sorgen wurde ein slag
mit schimpflichen meren
beide stille unde offenbar
des muoz ich vil dike truren
bi frelichen nah geburen
des ist mir ein tag ein iar

 
Ach und weh, die Liebe bringt
Uns auch große Schmerzen.
Wenn die Minne nie gelingt,
Bricht uns das die Herzen.
Sie sprach: "Schreib ein Lied für mich,
Schreib vom Leid der höchsten Leiden,
Muss die Lieb vom Liebsten scheiden,
Traurig nun auf ewig...."

Für die Herrin singe ich,
Weil wir beide leiden.
Ich durch sie und sie durch mich,
Können uns nicht meiden,
So bleibt uns die selbe Klage:
Minne will und kann nur geben
Denen, die zu ihr hin streben,
Kurze Freuden, lange Tage.

Hört nur, was mir Minne bot,
Um mir Trost zu geben.
Sie sprach: "Wählt den Liebestod
Statt im Leid zu leben."
“Schöne Minne, böses Wesen,
Daran will ich nicht mal denken,
Solchen Lohn kannst du dir schenken - 
Töte mich, lass sie genesen.

Töte mich und lass sie leben!”
“Nein!”, rief laut Frau Minne.
“Wer mir folgt, muss alles geben,
Seele, Herz und Sinne.
Heiß soll euch mein Siegel brennen,
Weil ich niemals Minne hieße,
Wenn ich ohne Schmerz entließe
Die, die liebend sich erkennen!”

Ach ein Jahr wär’ wie ein Tag,
Wenn wir uns nur fänden.
Dann könnt’ sich auf einen Schlag
Alles, alles wenden.
Doch mir bleibt ja offenbar
Nichts als Trauer hier auf Erden.
Jetzt, wo alle fröhlich werden,
Wird ein Tag mir wie ein Jahr.

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)




  Manesse-Bild und -Texte


 



LITERATUR

BIEL, Jürgen: Der wilde Alexander. Untersuchungen zur literarischen Technik eines Autors im 13. Jahrhundert.
Hamburg 1970.
GLIER, Ingeborg: Meister Alexander. In: 2VL 1 (1985), Sp. 213-218.
KUHN, Hugo: Der Wilde Alexander. In: ²KLD 2, S. 1-17.
LOEWENTHAL, Fritz: Das Rätsel des Wilden Alexander In: ZfdA 57 (1920), S. 277-282.
MÜLLER, Ulrich: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters. Göppingen 1974.
[Zu Meister Alexander siehe S. 155-158.]
SCHMOLINSKY, Sabine: Der wilde Alexander. In: Literaturlexikon. Hg. v. Walther Killy. Gütersloh 1992, Bd. 12, S. 328.


KERN, Peter: Meister Alexanders Lied ‚Owê, Minne’. Kritik der Konjekturalkritik. In: Textkritik und Interpretation.
Festschrift für Karl K. Polheim. Hg. v. Heimo Reinitzer. Bern 1987, S. 83-95.
SCHULZE, Joachim: Das Lied ‚Ach owê, daz nâch liebe ergât’ des Wilden Alexander und seine Bearbeitungen. In: ZfdPh
84 (1965), S. 361-368.