REINMAR VON BRENNENBERG
von Frank S. Wunderlich

Frank Wunderlich hat ein Liederbuch der Lieder des Reinmar von Brennenberg herausgegeben. Der Band ist direkt bei Frank oder im "Verlag der Spielleute" erhältlich.

Reinmar von Brennenberg entstammt einem oberpfälzischen Geschlecht, das sich nach der Burg Brennberg (etwa 20 km östlich von Regensburg gelegen) nannte. Die Brennenberger waren Ministeriale des Bischofs von Regensburg. Welcher der insgesamt vier Namensträger der Minnesänger war, ist nicht gesichert.

Reinmar I. ist in der Zeit zwischen 1224 bis 1236 urkundlich bezeugt und starb 1238.

Sein Sohn Reinmar II. wird als Verfasser dieser Gesänge vermutet. Er wird wie sein Vater 1224 bzw. 1236 urkundlich erwähnt und starb 1271, vier Söhne überlebten ihn: Wirnto III., Reinmar III., Ruland und Bruno von Brennenberg.

Reinmar III. ist 1272, kurz nach dem Tode seines Vaters Reinmar II., noch unmündig und wird um 1276 bei einer Fehde mit mehreren Gefolgsleuten von Regensburgern Bürgern ermordet. Die Kenntnis über dieses Ereignis inspirierte den Maler zur Miniatur der Manessischen Liederhandschrift, die dem Liedcorpus vorangestellt ist. Sein gewaltsamer Tod lebt als Bremberger-Sage in zahlreichen Liedern (Balladen) bis in das 16. Jahrhundert fort.

Der Sohn seines Bruders Bruno von Brennenberg, Reinmar IV., geboren etwa um 1280, ist ab 1295 urkundlich bezeugt und lebte bis 1326. Sein Wirken fällt schon in die Entstehungszeit der Großen Heidelberger Liederhandschrift, dem Hauptzeugen der Lieder des Brennenbergers. Er wird nicht als Minnesänger in Betracht gezogen.

Die Identifizierung des Verfassers bleibt schwierig, da kein zeitlicher Hinweis oder andere historische Anspielungen in den Liedern zu finden sind. Nur der Nachruf auf die verstorbenen Minnesänger der Str. 13 im Lied IV könnte einen Anhaltspunkt bieten: Die Entstehungszeit dieser Strophe wird um die Mitte des 13. Jahrhunderts angesetzt. Ob Reinmar der Verfasser dieser Strophe ist wurde teilweise angezweifelt.

Die höchste Wahrscheinlichkeit, den gesuchten Minnesänger zu identifizieren, fällt auf Reinmar II.  Reinmar sieht sich in der Tradition jener Minnesänger, welche er in seinen rühmenden Nachruf erwähnt. Er ist mit deren Können gut vertraut und findet bei ihnen viele Anregungen, besonders bei Ulrich von Singenberg, den er in dieser Strophe an die erste Stelle rückt und in gleich zwei Versen besingt. Andere Motive in seinen Liedern lassen sich auf Reinmar (dem „Alten“), auf Heinrich von Morungen und auf Walther von der Vogelweide zurückführen.

Überliefert sind in der Heidelberger Liederhandschrift vier Minnelieder (ohne Melodie) und ein außergewöhnlicher Ton (Lied IV), der sogenannte „Brannenberger“ oder „Bremberger“ Ton, dessen Melodie in der Kolmarer Liederhandschrift und in einigen weiteren Quellen aufgezeichnet ist.

Zu den Liedern

Lied I:

In diesem Ton richtet der Sänger ein Gebet an Gott sowie an die Minne und bittet um Erhörung: er möge eine vollkommene Frau finden. Er wird erhört, wendet sich an die Frau und erbittet ihre Zuneigung. Wiederum wendet er sich an die Minne und bittet, daß sie ihm dabei behilflich sei. In der letzten Strophe richtet er sich noch einmal an Gott mit der Bitte, daß seine Geliebte ihn in ihre Obhut nehmen möge. (3 Strophen)

Lied II:

Eine Minneklage mit Natureingang (Lieber meie). Der Winter läßt die Blumen erfrieren und zwingt die Vögel ins Schweigen. Das bedrückt den Sänger, denn ihm ergeht es ebenso mit seiner Geliebten. Sie verhält sich ihm gegenüber abweisend und großen Kummer bereitet ihm seine unerwiderte Liebe. (4 Strophen)

Lied III:

Dieser Ton ist ein Frauenpreislied mit Natureingang (Mailied). Der Wald ergrünt, allerlei Vögel stimmen Freudenlieder an. Alle Männer, egal ob jung oder alt, schauen sich jetzt nach Frauen um, die ebenso gern mit ihnen allerlei Freuden teilen möchten.

(3 Strophen)

Lied IV (Brennenberger Ton):

Es handelt sich hier nicht um einen in sich geschlossenen Gesang, sondern um ein Spruchton, der zur Gattung der Spruchdichtung mit Minnethematik zu rechnen ist und daher eine Zwischenform bildet.

12 Strophen überliefert insgesamt die Handschrift C, die in sich Einheiten sind (Einstrophigkeit), mit Ausnahme des Dialogliedes zwischen Liebe und Schönheit  (Strophen 10-12). Thema aller Strophen ist die Minne aus der Sicht des Sängers, mit Ausnahme der Nachruf-Strophe 13.

Str. 1: Der Mund der Geliebten wird gelobt und überschwänglich ihre Schönheit beschrieben; dies alles verjüngt und vertreibt jeglichen Kummer.

Str. 2: Hier wird die Tugend und die Schönheit der Geliebten gepriesen. Ganz gleich, wo der Sänger sich aufhalten mag, wird er ihr gewahr.

Str. 3: Auch hier wird die Geliebte gelobt und die Erinnerung an sie wachgehalten. Einem Engel vergleichbar ist sie dem Dichter gegenwärtig.

Möglicherweise bilden die Str. 2+3 eine Einheit.

Str. 4: Wieder ein Lob der Geliebten. Hinzu kommt das Gedenken an den Beginn ihrer Zuneigung. Reinmar beteuert darüber hinaus die Beständigkeit der Liebe bis zum Tod.

Str. 5: Die Liebesbeteuerungen werden fortgesetzt, es wird besonders die Güte der Angebeteten hervorgehoben, die alles Leid vertreiben kann.

Die Str. 4+5 könnten ebenfalls zusammengehören.

Str. 6: Der Sänger freut sich, daß auch andere seine Geliebte, die er erwählt hat, lobend wahrnehmen. Es selbst besingt ihre Tugenden.

Str. 7: Eine Minneklage. Reinmar erfährt Abweisung von der Angebeteten, trotzdem versichert er seiner „süezen senften morderin“ die Treue.

Str. 8: Der Dichter setzt seine ganze Hoffnung auf die Zuneigung seiner Auserkorenen, er lobt sie und bittet dazu die Minne um Beistand (vgl. Lied I).

Str. 9: Reinmar ist aufgrund großer Sehnsucht zerrissen. Sein Herz ist zwar stets bei seiner Geliebten, sein Leib jedoch andernorts, daher fühlt er sich im Zustand des Unvollständigseins.

Str. 10-12: Ein Dialog zwischen Liebe und Schönheit wird entfaltet. Beide streiten um ihre Vorzüge. Das Fazit in der dritten Strophe ist, daß es am besten wäre, wenn beide sich gleichermaßen bei einer Frau einfänden. Das würde einerseits das Auge erfreuen und andererseits das Herz erquicken.

Str. 13: Eine Klagestrophe über den Tod des Sängers von St. Gallen (wahrscheinlich Ulrich von Singenberg) und  zehn weiteren Minnesängern: Reinmar der Alte, Walther von der Vogelweide, Rudolf von Fenis-Neuenburg, Heinrich Rugge, Albrecht von Johannsdorf, Friedrich von Hausen, Walther von Mezze, Rubin, Wachsmut von Künzingen und Ulrich von Gutenburg.

 

HOHE TUGEND, REINE EHRE
 
Wol mich des tages do mir alrerst ist worden kunt
waz hoher tugende und reiner eren an den frouwen laege!
Es kom ein wib almitten in mins herzen grunt.
do rieten mir die sinne min daz ich ir schone pflaege,
Daz mich dekeiner slahte not 
von ir troste und von ir gnaden niemer kunde scheiden.
ez wendet nieman dan der tot;
ir minneclichen lip den kan mir nieman wol erleiden:
Si ist mir liep und liebet mir für elliu wip,
sie ist mir iemer lieber dan min selbes lip,
sie ist lieb ane zahl, daz spriche ich offenbar,
sie ist min liehtiu rose rot 
 und ouch min spilnder summe klar.

Die ich uz al der werlt zu frouwen habe erkorn
ze hohen fröiden mir, ze trost zu wunne und ouch zu heile,
Diu hat an mich gewant ir haz und ouch ir zorn.
ich muoz verderben, wirt mir niht ir werder gruoz zu teile.
Si reine, bezzer danne guot, 
si sundertrut, si mannes zart, si krone ab allen frouwen,
waz si mir eine leides tuot 
und nieman mer! den sunderwandel mac man an ir schouwen.
Ja si vil reine süeze senfte morderin,
min herze ist doch bi ir, swa ich dar lande bin.
ir zuht ir ere ir lob ich ie zem besten maz,
swie selten sie gedenke an mich, 
 in triuwen ich ir nie vergaz. 

Wa sint nu alle die von minnen sungen e? 
si sint meist tot, die al der werlde frôide kunden machen. 
Von Sante Gallen friunt, din scheiden tuot mit we: 
du riuwes mich, dins schimpfes manger kunde wol gelachen. 
Reinmar, dins sanges manger gert. 
ich muoz dich klagen und minen meister von der Vogelweide. 
Von Niuwenburc ein herre wert
und ouch von Rucke Heinrich sungen woi von minnen beide. 
Von Johansdorf und ouch von Husen Friderich 
di sungen wol; mit sange waren hovelich 
Walther von Metz, Rubin und einer hiez Wahsmuot. 
Von Guotenburc Uolrich, der liute 
 vil din singen duhte guot.

 
Ich lob den Tag, an dem ich  erstmals deutlich sah,
Was hohe Tugend, reine Ehre edlen Frauen geben. 
So kam ein Weib tatsächlich meinem Herzen nah. 
Da rieten mir die Sinne, gleich in ihren Dienst zu streben.
Damit mich keine böse Not
Von dem Trost durch ihre Gnade jemals könnte scheiden,
Uns beide trennt doch nur der Tod,
Meine reine Herrin wird mir niemand je verleiden.
Sie ist mir lieb, ich lieb’ sie mehr als jedes Weib,
Sie ist mir noch viel lieber als mein eig'ner Leib. 
Sie ist unendlich lieb, das ist einfach nur wahr.
Sie ist für mich die Rose rot 
 und auch die Morgensonne klar.

Die ich aus all den Frau'n zur Herrin hab’ erkor’n
Zur höchsten Freude mir, zum Trost, zur Wonne und zum Heile,
Die zeigt mir heute ihren Hass und ihren Zorn,
Ich muss verderben, wird mir nicht ihr lieber Blick zuteile.
Die Edle, besser noch als gut,
Die ihres Mannes Glück ist, diese Krone aller Frauen,
Und die mir trotzdem Böses tut,
Nur mir allein, sonst kann man stets auf ihre Güte bauen:
Ja, diese reine süße, sanfte Mörderin,
Mein Herz ist stets bei ihr, wo immer ich auch bin. 
Mein allerhöchstes Glück wär' doch ein Lob nur durch sie.
Und denkt sie auch nicht oft an mich, 
 ich weiß wohl, ich vergess sie nie!!

Wo sind nur alle, die von Minne sangen, hin?
Gestorben sind die, die der Welt einst soviel Freude brachten.
Du von Sankt Gallen, dem ich Freund geworden bin,
Ich denk an dich, weiß Gott, wir sangen, 
  schimpften, fluchten, lachten.
Reinmar, dein Sang ist’s, der uns fehlt,
Ich klag um dich und meinen Meister von der Vogelweide!
Was Herr von Neuenburg erzählt,
Das gab uns Kraft! Heinrich von Rugge sang vom Herzeleide.
Von Johannsdorf und auch von Hausens Friederich, 
Die trafen stets den Ton, die Herren preise ich!
Walter von Metz, Rubin, vergesst mir nicht Wachsmut
Und auch Ulrich von Gutenburg - 
 heut’ singt uns keiner mehr so gut!

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)









Lied V

Reinmar besingt die verschiedenen Aspekte der Minne. Sie kann einerseits sehr beseligend sein, andererseits ebenso viel Kummer bereiten. Kummer wird dem Sänger leider öfters zuteil, es sei denn, die Geliebte zeigt sich ihm gegenüber einmal wohlwollend. (3 Strophen)