OSWALD VON WOLKENSTEIN 

Der allerletzte Minnesänger, der uns heute noch bekannt ist, heißt Oswald von Wolkenstein. Er lebte zwischen 1377 und 1445, war bereits seit seinem 10. Lebensjahr, in dem er Knappe eines Ritters wurde, ein echter Weltenbummler und Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der sich als Kaufmann, Diplomat, Pilger, Politiker, Ministraler, Ritter, Landwirt, kaiserlicher Gesandter und Rinderzüchter erprobte. Als der Minnesang schon mega-out war, griff er noch einmal die raffinierten Versmaße und Reimhäufungen, die bildhafte Sprache, die musikalischen Traditionen dieser großen Epoche auf und aktualisierte sie gekonnt, parodierte sie auch nicht selten. Bei ihm findet sich das ganze Spektrum höfischer Dichtung von innig bis deftig: Er singt vom Kreuzzug genauso wie von seinem Penis. Darüber hinaus war er auch musikalisch ein Neuerer: Bei den 130 überlieferten musikalischen Werken Wolkensteins findet sich Mehrstimmigkeit bis hin zum hochdifferenzierten vierstimmigen Satz. Bezeichnend ist, dass das weite Spektrum der Inhalte eine Entsprechung findet in einer Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen. Darüber hinaus ging Oswald sehr locker und kreativ mit Sprache um, wenn sich grad kein Wort fand, das sich reimte, so bastelte er sich einfach eins. Sprache ist bei ihm auch im Wortklang Mittel des dramatischen und emotionalen Ausdrucks.

Eins der bekanntesten Werke ist der raffinierte dreistimmige Kanon "Herr Wirt uns dürstet also sere", ein Trinklied, dessen sprachliche Fantasie und Drastik am besten im originalen Mittelhochdeutsch zum Tragen, deshalb habe ich es nicht übersetzt. Auch wenn man nicht jedes Wort versteht, erschließt sich der Inhalt ohnehin: Schließlich geht es um das Trinken, den Tanz und die Liebe.
 

 
 

Her wiert uns dürstet also sere
trag auf wein,
trag auf wein,
trag auf wein.
Das dir got dein laid verkere
pring her wein
pring her wein
pring her wein
Vnd dir dein sälden mere
nu schenck ein
nu schenck ein
Nu schenck eyn.

Gretel wiltu sein mein treutel
so sprich sprichs
so sprichs sprichs
so sprich sprichs
Ja koufst du mir einen beutel
leicht tün ichs
leicht tün ichs
leicht tün ichs
Und reyss mir nit das heutel /
newr stich stichs
newr stich stichs
newr stich stichs

Sym jensel wiltus mit mir tanczen
so kom auch
so kom auch
so kom auch
Böckisch well wir umbhin ranczen
Jans nit strauch
Jans nit strauch
Jans nit strauch
Und schon mir meiner schranczen
dauch schon dauch
dauch nach dauch
dauch Jensel dauch

Pfeiff auff hainczel lippel snäggel
frisch frow fry
frisch frow fry
frisch frow fry
Zwayt ew rürt ew snurra bäggel
jans luczei
Cüncz kathrey
Bencz Clarey
Spring kelbrisch durta jäckel
iu hayg hayg
ju hayg hayg
ju hayg hayg

Hin get der raye seusa möstel
nu reckt an
nu reckt an
nu reckt an
gumpp auf hainreich noch ein jösstel
rür biderbman
rür biderbman
rür biderbman
mecz diemut döwt das kösstel
dran dran dran
dran dran dran
dran dran dran

Nu füdert ew man ysst jm dorffe
nempt kain weyl
nempt kain weyl
nempt kain weyl
nachin Cünrat fauler thschorffe
du lempeyl
du lempeyl
du lempeyl
lüg umb dich als ein orffe
eyl held eyl
eyl held eyl
eyl eyl eyl.
 

 

 

 

>>> Das Lied auf CD: ENSEMBLE FÜR FRÜHE MUSIK AUGSBURG "Oswald von Wolkenstein"