REINMAR VON HAGENAU 

Er ist der Minnesänger, der die Gattung aus der Sicht von Zeitgenossen zu ihrer Blüte führte: Reinmar von Hagenau. Er ist der Dichter, der wie kein anderer das geduldig ertragenene Leid des Minnedieners in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt hat - er wird auch als Reinmar, der Alte, bezeichnet, zur Unterscheidung von Reinmar von Zweter, der später gewirkt hat. Hagenau, der gegen Ende des 12. Jahrhunderts bis ins erste Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts in Wien aktiv war, galt als einer der angesehenensten Dichter seiner Zeit, sein Zeitgenosse Gottfried von Straßburg bezeichnete ihn als "Nachtigall" und Vollender der Höfischen Liedkunst. Über seine Herkunft ist man sich nicht einig: Helmut Brackert, Autor der hervorragenden Minnesang-Anthologie bei Fischer, hält eine Herkunft aus dem Elsässischen für wahrscheinlich, er habe die hohe Kunst des rheinischen Minnesangs an den "rückständigen" Wiener Hof getragen. Hans Herbert Räkel, Autor der Einführung "Der deutsche Minnesang" bei Beck, sieht es dagegen als wahrscheinlicher an, dass er aus dem freiherrlichen Passauer Geschlecht der von Hagenaus stand. Fest steht allerdings, dass er lange am Hof der Babenberger Herzöge von Österreich dichtete.

In der Illustrierten Geschichte der deutschen Literatur wird er als "Dichter der ungestillten Sehnsucht" bezeichnet: "Der Schmerz wird ihm für seine Motive geradezu die ergiebigste Quelle". Immer wieder begegnen wir in seinem Liedern einem Mann, der seiner Herrin treu ergeben ist, selbst wenn sie ihm nicht mal das kleinste Lächeln gönnt. Und wenn er auch noch so leidet: Er preist die Schönheit edler Damen mit einer Kunstfertigkeit und Finesse, die bis dahin unerreicht ist. "Der ungelohnte aufopferungsvolle Liebesdienst" wird bei ihm "zu einer ästhetischen Lebensform stilisiert", schreibt Brackert und sieht ihn als einen Dichter, der ein "erzieherisches Programm" verfolgt, indem er sich seine ergebene Haltung als "Vorbild" für ritterliches Handeln herausstellt.

Im Folgenden ein sehr umstrittenes Lied, in dem Reinmar wie so oft die Ergebenheit seiner Herrin gegenüber verdeutlicht. Hier vergleicht er sie gar mit dem "Ostertag", er setzt ihre Zuwendung also mit der Auferstehung Jesu Christi gleich. Doch egal, wie fern diese Erlösung für ihn auch scheint erscheint: Er dient ihr mit völliger Aufopferung - in der Hoffnung, dass sie irgendwann doch seinen Schmerz in Freude verwandeln wird. 


 
DER OSTERTAG
 
Ich wil allez gâhen
zuo der liebe, die ich hân.
sô ist ez niender nâhen,
daz sich ende noch mîn wân.
doch versúoche ich ez alle tage
und gediene ir sô, daz si âne ir danc
mit fröiden muoz erwenden
kumber, den ich trage.

Swaz in allen landen
mir ze liebe mac beschehen,
daz stât in ir handen.
anders nieman wil ichs jehen.
si ist mîn ôsterlîcher tac,
und hân si in mînem herzen liep.
daz weiz er wol, dem nieman
niht geliegen mac. 
 

Will zu ihr nur gehen,
Die ich liebe Tag und Nacht.
Doch ich kann nichts sehen,
Was den Wunsch zur Wahrheit macht.
Trotzdem hoff' ich alle Tage,
Und ich diene ihr so, dass sie schließlich doch
  in Freude muss verwandeln
den Schmerz, den ich trage.

Was noch hier auf Erden
Mir zur Freude kann gescheh'n.
Kann durch wird nur werden, 
Ihre Wege will ich geh'n.
Sie ist für mich der Ostertag.
Ich hab sie von ganzem Herzen lieb.
  Das weiß auch der, den niemand
zu täuschen vermag. 

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

>>> Das Lied auf CD: DINGO "Minne, traute Minne" (MP3 hier)


"Keiner leidet so schön wie ich" - auf diese Formel bringt Helmut Brackert den Geist des Reimarschen Gesamtwerkes. Mit seinen entsagungsvollen Liedern erntete er aber auch Widerspruch, vor allem durch Walther von der Vogelweide. Mehr dazu  hier!