Der tugendhafte Schreiber ist vielen Mittelalterkundigen vor allem deshalb ein Begriff, weil er am legendären Sängerkrieg auf der Wartburg beteiligt gewesen sein soll. Er ist auf der Miniatur in der Manessischen Liederhandschrift zu sehen und kommt im ersten Teil (Fürstenlob) ausgiebig zu Wort. Ob er wirklich identisch ist mit dem zwischen 1208 und 1244 bezeugten Schreiber des Landgrafen von Thüringen, wie an vielen Stellen behauptet wird, ist nicht eindeutig geklärt. Die Vermutung fußt wohl auf seiner Erwähnung im Sängerkrieg.
Über den tugendhaften Schreiber,auch bekannt als Henricus Notarius oder Henricus Scriptor, urteilt Siegfried Obermeier, einer der zahllosen Walther-Biografen, hart und ein wenig ungerecht: "Von ihm sind einige Minnelieder erhalten, die vermuten lassen, dass dieser Schreiber offensichtlich nur in Hinblick auf seinen Beruf tugendhaft war". Er zitiert dann Heinrichs Loblied auf die Lust in der Übersetzung von Friedrich Rückert: "Oh die Lust, die der empfindet, der mit Lust ein Weib umwindet, die in Wahrheit ist ein Weib. Wohl tut mir davon die Märe, sprechet, wie mir selber wäre, fühlt' ich es an meinem Leib." (Siegfried Obermeier: Walther von der Vogelweide - der Spielmann des Reiches. Langen Müller, S. 104/105). Doch das ist ja nur eine Seite des Minnesängers, dem die Manessische Liederhandschrift immerhin 4 Seiten mit 12 Minneliedern und ein Bild widmet.
Sein
Schaffen umfasst durchaus nicht nur lüsterne Lyrik, sondern zum Großteil
ganz traditionellen Minnesang. Herausragend ist sein Lied über die
Einsamkeit der Nachtigall im Wald, verglichen mit dem Sänger, der
vergeblich bei seiner Herrin um Gehör ringt. Das Lied ist so ergreifend,
dass es sogar den Romantiker Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) zu
einer Neuvertonung inspirierte. Von dem vierstrophigen Lied seien hier
die erste und die letzte wiedergeben (diejenigen, die auch Mendelssohn
vertont hat):
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der ich ir genade klage die min herze hat betwungen un noch twinget alle tage mir ist sa d'nahtegal die so viel vergebene singet un ir don zelest klinget niht wan schaden ir suozer schal Was togt in dem wilden
walde
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Dass ich ihr mein Leid noch klage, Sie hat mir mein Herz bezwungen, Und bezwingt es alle Tage! Mir ist's wie der Nachtigall, Die soviel vergeblich singet, Deren Lied voll Sehnsucht klinget. Doch im Schmerz verklingt der Schall. Helfen dort im
Wald, im wilden,
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Links:
Manessische
Liederhandschrift, Bild und Texte vom tugendhaften Schreiber
Manessische
Liederhandschrift, Bild und Texte vom Sängerkrieg
Sängerkrieg
auf der Wartburg, die Sage der Brüder Grimm und Nachdichtung des
mhd. Textes von Karl Simrock