800 JAHRE SÄNGERKRIEG AUF DER WARTBURG
Jubiläum im Jahr 2006

von Dr. Lothar Jahn
 

"Auf der Wartburg bei Eisenach kamen im Jahr 1206 sechs tugendhafte und vernünftige Männer mit Gesang zusammen und dichteten die Lieder, welche man hernach nennte: den Krieg zu der Wartburg." So leiten die Brüder Grimm in ihren "Deutschen Sagen" von 1816 ihre Beschreibung des Ereignisses ein. Die Original-Dichtung, die sich zumindest auszugsweise in so gut wie allen mittelalterlichen Liederhandschriften findet,  muss in den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben worden sein, die Datierung des Sängerkrieges durch die Brüder Grimm ist - schaut man sich die Beteiligten an - aber sicher klug gewählt. Insofern kann man 2006 mit Recht ein Jubiläum feiern.

Ob der Sängerkrieg wirklich stattgefunden hat, muss offen bleiben. Das literarische Werk überhöht und verfälscht sicher die Realität, jedoch verweist gerade die Häufigkeit, mit der des Sängerkrieges gedacht wird, auf ein Ereignis, das tatsächlich zum höfischen Leben des politisch geschickten und als Mäzen gefeierten Landgrafen Hermann I. von Thüringen (Regierungszeit: 1190 - 1217, gest. 1217) gehört hat.  In der Jenaer Liederhandschrift ist eine Melodie des "Thüringer Herrentons" enthalten, der vor allem den zentralen 1. Teil der Dichtung prägt. Der "schwarze Ton", der im "Rätselspiel" und in weiteren Teilen des Werkes zur Geltung kommt, ist in zwei unterschiedlichen Versionen in der Jenaer und der Kolmarer Liederhandschrift überliefert.

In der großen Manessischen Handschrift gibt es neben den Texten ein Bild, das - wie die gesamte Passage - unter der Überschrift "Klingsor von Ungerlant" (der siebte Sänger, der später hinzu gezogen wurde) zu finden ist. Das Bild zeigt den Landgrafen Herrmann von Thüringen und sein Frau Sophie über einer Gruppe von sieben Sängern: Klingsor von Ungarland, Heinrich von Ofterdingen, der tugendhafte Schreiber, Reinmar der Alte, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide, der siebte Sänger ist nicht namentlich genannt, muss nach der Dichtung aber Biterof sein.

Obwohl auf dem Bild ausdrücklich "Reinmar, der Alte" steht, wird im historischen Text Reinmar von Zweter als Kontrahent genannt - dies wäre jedoch rein zeitlich unmöglich, da der Sängerkrieg Anfang des 13. Jahrhunderts terminiert werden muss (spätestens 1217, da Hermann in diesem Jahr starb), Zweter wurde um 1200 geboren und begann erst 1227 seine künstlerische Laufbahn. In einer Dichtung ist es natürlich möglich, Personen verschiedener Generationen aufeinander treffen zu lassen: Richard Wagner hat ja in seiner Version des Sängerkriegs sogar den Tannhäuser die Rolle des Provokateurs übernehmen lassen -  ein Minnesänger, der erst 1228 geboren wurde. Wenn man aber nach dem realen Kern sucht, der die Vorlage zur Dichtung geboten hat - und es ist erwiesen, dass Landgraf Hermann ein Förderer der Künste war, an dessem Hofe Wolfram von Eschenbach seinen "Parzival" schrieb und Walther von der Vogelweide zu Gast war, so könnte allerhöchstens Reinmar von Hagenau, der ja tatsächlich den Beinamen "der Alte" trug, auf der Wartburg dabei gewesen sein. Der Lehrer und künstlerische Kontrahent von Walther von der Vogelweide starb um 1210.

Seine dramatische Würze erhält der als "Fürstenlob" zu charakterisierende erste Teil des Sängerkriegs durch den Auftritt des "unbelehrbaren" Heinrich von Ofterdingen. Der erzürnt den Landgrafen Hermann und seine Sängerkonkurrenten dadurch, dass er anstelle seines Fürsten die Größe des Leopold von Österreich preist. Diese Provokation sorgt für Aufruhr, so dass man schon nach dem Henker ruft. Nur die Fürstengattin Sophie verhindert, dass Heinrich diesem zum Opfer fällt, indem sie den Rebellen unter ihren ganz persönlichen Schutz stellt. Als Schlichter des Streits wird nun Klingsor von Ungarland benannt. Hiermit begibt man sich ganz in literarische Welten hinein, Klingsor, der hier als großer Sänger, aber auch als Magier eingeführt wird, ist eine Figur aus Eschenbachs "Parzival". Nachdem Ofterdingen mit Klingsor nach einem Jahr zurückkommt, entspinnt sich ein Rätselspiel - vor allem zwischen Wolfram und Klingsor.

> Die mittelalterlichen Originaltexte zum Sängerwettstreit und Übersetzungen von Karl Simrock finden sich hier.
> Rückblick auf den Minnesänger-Wettstreit 2006 auf Burg Falkenstein - präsentiert von Karfunkel und www.minnesang.com
> Rückblick auf den Wartburg-Sängerwettstreit "geteiltez spiel" 2003 und 2005.
> CD-Vorstellung der CD zum "Minnesänger-Wettstreit 2005" auf der Homepage des Opal-Verlags mit Reinhör- und Bestellmöglichkeit.
> Interviews mit den "Minnesängern 2005" Frank Wunderlich und Marcus van Langen.