
Altmorschen. Seufzender Minnesang unter
dem Fenster einer unerreichbaren Angebeteten, gesungen von einem
hochsensiblen fahrenden Sänger des Mittelalters - dieses Bild mag so
manchem aus der Schulzeit in Erinnerung sein. Die Lieder Walthers von
der Vogelweide mussten dafür als Beispiel herhalten, gehören sie doch
zu den wenigen noch heute bekannten Überlieferungen.
Ein ganz anders Bild des Sängers bekam das Publikum am Samstagabend. Der Rezitator und Sänger Karsten Wolfewicz hatte einen musikalischen Vortrag zum Leben des Minnesängers zusammengestellt, der diesen Mann als spitzzüngig und politisch aktiv darstellte. Der Kultursommer Nordhessen und der Kulturring Altmorschen hatten den Künstler in den Engelsaal des Klosters Haydau geholt.
Und während sich beim Publikum ein ganz neues Bild des mittelalterlichen Sängers entwickelte, ließ Wolfewicz immer wieder Harfen erklingen und ein zur Flöte umgebautes Kuhhorn (früher Gemshorn). Dadurch lebte das 12. Jahrhundert wieder auf, zu dem Kreuzzüge, Machtkämpfe zwischen Papst und Kaiser sowie der Kampf der Staufer um den deutschen Kaiserthron gehören.
Walther von der Vogelweide war oft mittendrin gewesen, zwischen all den Macht- und Intrigenspielen. Denn der Minnesänger bestach nicht nur durch eine schöne Stimme, die ihm den Ehrentitel "Nachtigall" einbrachte. Seine scharfe Zunge muss gefürchtet gewesen sein, wenn er gnadenlos ihm missliebige politische Zustände anprangerte.
Als Beispiel stellte Wolfewicz das Klausnerlied vor, in dem der Sänger klagt: "Der Papst ist so jung" und das Einmischen der Kirche in weltliche Belange anprangert. Jedoch waren die Formulierungen so geschickt, dass er nie unter den Bannfluch des Papstes geriet.
Wolfewicz selber erwies sich als Meister des Wortes, der temporeich und voller Witz das Leben des Minnesängers vorstellte und immer wieder durch musikalische Beiträge das Publikum erfreute.
Viel Beifall für seine rhythmisch mitreißenden Instrumental-Stücke.(zll)
( c) Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, Kassel, 2007, Lokalausgabe Melsungen