erschienen in Karfunkel Nr. 59, August/September 2005

Karfunkel-Interview mit Frank S. Wunderlich, dem "Minnesänger 2005"

Karfunkel: Lieber Frank, zuerst einmal meinen herzlichen Glückwunsch zu deinem Sieg auf Burg Falkenstein. Mit welchen Gefühlen bist du in den Wettstreit gegangen und wie war dir zumute, als du den Lorbeer bekommen hast?
Frank: Ich bin angesichts der anderen, sehr brillanten Teilnehmer mit zunehmend mulmigen Gefühlen in den Wettstreit gegangen. Ich bin ja eher der Typ, der sich nicht so gerne zeigt. Meine musikalischen Aktivitäten beschränken sich weitgehend auf den Raum um Aschaffenburg zwischen Odenwald und Spessart. Doch der charmant-motivierenden Nachfrage von Dr. Lothar Jahn, konnte ich letzlich nicht widerstehen.
Die Verleihung des Lorbeerkranzes durch die Burgvogtin war für mich wie ein Blitzschlag. Mein Therapeuten-Ich würde dies prognostizieren als "energetische Explosion innerhalb eines außergewöhnlichen Bewusstseinszustandes". Ich habe absolut nicht damit gerechnet. Dabei sein ist alles, war im Vorfeld meine Devise. Rein mathematisch stand die Chance 1:7 und die internette Publikumsbewertung ging von 1:11 aus.

Karfunkel: Die Lieder, mit denen du das Herz der Burgvogtin erobert hattest, bestachen ja gerade durch ihre zarten, zurückhaltenden Töne. Heutzutage eher die Seltenheit ...
Frank: Ja, sie sind heutzutage eher eine Seltenheit, aber man kann sie auch heute noch überall antreffen, wenn man die Sinne dafür öffnet. Doch in einer lauten, hoch agressiven, überaktiven Gesellschaft sind sie kaum wahrnehmbar.

Karfunkel: Dein persönlicher Ansatz beim Singen?
Frank: "Minnesang" ist für mich eine ganz besonders feine Blüte oder Seite des großen Themas Liebe, nach dem alle Menschen lechzen: der Liebe nachjagen, sie aber so nie finden werden. Dies brachten die Minnesänger in den sogenannten Minneklagen zum Ausdruck. In einer wesentlich stilleren Zeit als heute blühte sie in unseren Breitengraden auf und brachte einen wunderbaren geistigen Duft hervor, den ich persönlich besonders schätze. Kurz umschrieben ist mein persönlicher Ansatz ein meditativer: Es geht mir um das Hineinfühlen in die Botschaft von Liebe, die im Minnesang in besonderer Weise ihren Ausdruck findet und darin liebevoll gepflegt wird. In Falkenstein konnten wir das ausprobieren: Die Burgvogtin Ulrike Dillitzer war dort die Adressatin unserer Bekundungen dieser feinen Gefühlszustände, die wir zum Ausdruck bringen durften, mit Hilfe jener Kunst, die unsere Vorbilder so meisterhaft beherrschten.

Karfunkel: Wie bist du eigentlich zum Minnesang gekommen?
Frank: Wie die Jungfrau zum Kinde. In der Oberstufe interessierte ich mich schon für alte Musik. Nach dem Abitur lebte ich ein Jahr lang in einem Zisterzienserkloster, in dem die mittelalterliche Musik bis auf den heutigen Tag in Form des Stundengebets mehrmals täglich gepflegt wird. Ich hätte mich dort in der Choralforschung spezialisiseren können. Mein Lebensweg verlief anders, doch dem Reiz mittelalterlicher Musik konnte ich mich nicht mehr entziehen, auch wenn ich zwischendurch andere Musik machte (z.B. Barockmusik oder 'minimal music' von Phil Glass).

Karfunkel: Was fasziniert dich an der Mittelaltermusik?
Frank: Gerade das Faszinierende ist so schwer in Worte zu fassen. Diese alte Musik hat einfach eine ganz besondere Schönheit! Da sind zunächst die eben schon erwähnten besonderen Botschaften des Minnesangs, die wohl einmalig in der Literatur sind. Andererseits ist diese Art der Musik in ihrer Schlichtheit und zugleich in ihrer Aussagekraft der alten 'Kirchentonarten' weiterhin so kraftvoll, auch wenn sie über lange Zeit eine Art Dornröschenschlaf gehalten hat.

Karfunkel: Du nennst dich selbst "Franz von Oberburg". Eins der beiden Lieder, die dir den Sieg brachten, stammt vom Minnesänger von Obernburg. Ist das dein Lieblingssänger?
Frank: Im strengen Sinne keineswegs. Er ist in den vergangenen Jahren für mich zu einer Art 'Alter ego' geworden. Die Frage nach dem Warum kann ich nicht beantworten. Vor gut zehn Jahren pickte ich ihn in einer Gesamtausgabe der Manessischen Liederhandschrift heraus - oder: drängte er sich mir auf dem Wege des sogenannten Zufalls auf? Schon allein sein Name "Obernburg" lenkte mein Interesse auf ihn. Eine nur 8 km von meinem derzeitigen Wohnsitz gelegene Kleinstadt ist Obernburg am Main. Die Gestalt des Von Obernburg (lebte um 1250) und sein schmales Werk (nur sieben Liedtexte sind überliefert) ließ mich nicht mehr los und es entstand nach und nach ein Liederzyklus mit Eigenvertonungen der Lieder, zu denen ja keine Melodien überliefert sind. Es erwuchs über Jahre eine innige Verbindung zu ihm. Meine Recherchen über seine Person ergaben jedoch, daß er wahrscheinlich aus dem heutigen Oberburg im Emmental, im Kanton Bern gelegen, entstammt. Wir kennen nicht einmal seinen Vornamen, doch nach Meinung eines Heimatforschers hieß er vielleicht Johann. Nach Oberburg in der Schweiz unterhalte ich mittlerweile auch Kontakte. Der Name "Franz von Oberburg" ist also von mir nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Franziskus ist mein Namenspatron, der im 13. Jh. viel von sich Reden machte.

Karfunkel: Das andere Lied schrieb Reinmar von Brennenberg, ja auch ein fast vergessener Dichter. Was gefiel dir an diesem Lied?
Frank: Wiederum wollte es der Zufall, daß ich dieses Lied auswählte. Dr. Lothar Jahn hätte ja lieber ein Lied von Wizlaw, dem großen und einzigartigen Nordlicht unter den Minnesängern, von mir gehört, wie ich es auf der CD zum Minnesänger-Wettstreit gesungen habe. Ich als eher Süddeutscher wollte aber lieber etwas aus der "Südkurve" singen. Im September des vergangenen Jahres besuchte ich in der Nähe von Regensburg einen theologischen Fortbildungskurs und da wollte ich mir erst einmal Burg Falkenstein ansehen. Dabei kam ich durch das nur wenige Kilometer entfernte Brennberg, dem Ort des einst so mächtigen Geschlechts der Brennenberger: Dort steht die Heimatburg des Minnesängers Reinmar von Brennenberg - da war mir klar, ich wollte eins seiner Lieder singen. Auch mit ihm beschäftigte ich mich dann ein wenig näher, die Ergebnisse finden wie meine Studien zum "Von Obernburg" sich auf www.minnesang.com. Zu seinen Texten ist sogar die Weise erhalten, eine ganz eigentümliche Melodie, die großen Reiz hat. Auf diese geheimnisvolle Melodie wurde bis ins 16. Jahrhundert eine stattliche Anzahl neuer Lieder verfaßt. Es ist ein ziemlich ausladender Spruch-Ton im nahezu mystischem Gewand. In der lateinischen Kirchenmusik entspricht er dem X. Ton = hypoäolisch, dem heutigen moll ähnlich! Heute hört man das Lied nur noch selten, vielleicht weil es zu den mystischen, stillen Weisen zählt und sich neben mittelalterlichen Hau-Ruck-Melodien schlecht behaupten kann.

Karfunkel: Wie fandest du die Idee, einen Minnesänger-Wettstreit zu veranstalten?
Frank: Einfach genial. So etwas gibt es ja sonst nur noch auf der Wartburg ('geteiltez spil').

Karfunkel: Soll es eine Neuauflage geben?
Frank: Schön wäre dies. Ich würde das allen wünschen, die diesen wunderschönen Abend erlebten, und dieses Ereignis, das trotzdem einmalig bleibt, in ähnlicher Form wieder erleben könnten.

Karfunkel: Deine Eindrücke von Burg Falkenstein ...
Frank: Dieser Platz beherbergt eine wunderbare Atmosphäre, davon konnte ich schon mich bei meinem ersten Besuch im September letzten Jahres überzeugen. Aber Du möchtest wahrscheinlich von mir noch etwas zu den Eindrücken des Wettstreits erfahren: spannend, spannend, spannend ... für uns 'edlen Recken', für die Burgvogtin Ulrike Dillitzer ebenso und ich denke auch für das Publikum. Ranghöchster Herr des Abends, abgesehen vom Schirmherrn und Bürgermeister, war, über alle Minnesängerkünste erhaben, der Moderator und Minnesängerpapst  "Meister Heinrich von Meißen", auch Frauenlob, genannt, der von Peter Will hervorragend dargestellt wurde. Ohne ihn hätte am 4. Juni das Salz in der Suppe gefehlt, bzw. der scharfe Pfeffer für uns Sänger.
Mit Meister Heinrich bin ich übrigens in besonderer Weise verbunden. Er hat seine Grablege im Mainzer Dom gefunden und ich bin beruflich mit diesem Hohen Haus verbunden. Bei nächster Gelegenheit werde ich ihm jedenfalls eine Rose zu Füßen seines Grabsteins im Kreuzgang legen. Übrigens hatte ich zuvor ihn mit Hilfe eines Gebets vor Ort in Mainz "bestochen", daß er mir beistehen möge.

Karfunkel: ... und von den anderen Teilnehmern am Wettstreit?
Frank: Positiv, alles interessante Persönlichkeiten und kein Profilneurotiker unter uns. Bei der Auswahl der sieben Erwählten im Vorfeld klärte sich diese Frage von allein. An diesem Punkt möchte ich keinesfalls das Ensemble vergessen, das uns an diesem Abend unermüdlich begleitete: die Spielleute vom Musiktheater Dingo, verstärkt um zwei Gastmusiker aus Berlin und Salzburg.
Wie oben erwähnt hatte ich den größten Respekt von den Mitbewerbern, die ich zum größten Teil nur von Tonaufnahmen kannte. Jeder Sänger brachte seine persönliche Note mit ein. Sieben ganz unterschiedliche Stimmen und Charaktere hatten die Hörer zur Auswahl. Es gab keinen nivellierten Einheitsbrei zu hören. Knud Seckel ließ sich als feinen Tenor hören, dem ich klanglich wohl am ehesten nahe stehe. Michael Hoffkamp überzeugte im Charakter eines Folkbarden. Jochen Faulhammer beeindruckte mit einem standfesten Bass, dem damit alle Weltbühnenbretter offenstehen müssten. Hans Hegner brachte mit Einfallsreichtum und einen phanasievollen Aufbau die Gesänge zu Gehör. Der Österreicher Thomas Schallaböck präsentierte sich im köstlich klingendem salzburgischen Dialekt und überzeugte mit Humor. Und Marcus van Langen, dieser Lockvogel, verführte das Publikum erfolgreich mit Rhythmus und seiner knarzig-kräftigen Stimme.

Karfunkel: Was wünschst du dir persönlich?
Frank: So eine Frage verführt mich leicht, über große Visionen zu plaudern. Eine wesentliche ist, daß mit Hilfe der Botschaften des Minnesangs mehr 'minnemäßiges' Mitgefühl sich in der Welt entfalten möge. Ein mehr persönlicher Wunsch wäre, wenn mein Liederbuch mit den Liedern des Von Obernburg "Ich wil wol von wibes guete" weiterhin Verbreitung erfährt und seinen Platz im Minnesängerrepertoire findet. Mit Ulrich Knopp habe ich ein Konzertprogramm mit sämtlichen Obernburgliedern erarbeitet und wir sind gerade dabei, diese Lieder auf eine 'Strahlenscheibe' (CD) zu bringen. Ähnliche Verbreitung wünsche ich mir aber auch für die Veröffentlichung meiner Auswahl von zwölf Liedern aus dem Schedelschen Liederbuch (um 1460), die vergangenen Herbst erschienen ist. Beide Hefte sind bei im Verlag der Spielleute oder bei mir direkt erhältlich. Ganz persönlich wünsche ich mir, daß ich -wie in den letzten Jahrzehnten zuvor- weiterhin Freude an dieser besonderen Musik haben werde.
 

Das Interview führte Jens Ruge.