Karfunkel-Interview mit Frank S. Wunderlich, dem "Minnesänger 2005"
Karfunkel: Lieber Frank, zuerst einmal meinen herzlichen Glückwunsch
zu deinem Sieg auf Burg Falkenstein. Mit welchen Gefühlen bist du
in den Wettstreit gegangen und wie war dir zumute, als du den Lorbeer bekommen
hast?
Frank: Ich bin angesichts der anderen, sehr brillanten Teilnehmer mit
zunehmend mulmigen Gefühlen in den Wettstreit gegangen. Ich bin ja
eher der Typ, der sich nicht so gerne zeigt. Meine musikalischen Aktivitäten
beschränken sich weitgehend auf den Raum um Aschaffenburg zwischen
Odenwald und Spessart. Doch der charmant-motivierenden Nachfrage von Dr.
Lothar Jahn, konnte ich letzlich nicht widerstehen.
Die Verleihung des Lorbeerkranzes durch die Burgvogtin war für
mich wie ein Blitzschlag. Mein Therapeuten-Ich würde dies prognostizieren
als "energetische Explosion innerhalb eines außergewöhnlichen
Bewusstseinszustandes". Ich habe absolut nicht damit gerechnet. Dabei sein
ist alles, war im Vorfeld meine Devise. Rein mathematisch stand die Chance
1:7 und die internette Publikumsbewertung ging von 1:11 aus.
Karfunkel: Die Lieder, mit denen du das Herz der Burgvogtin erobert
hattest, bestachen ja gerade durch ihre zarten, zurückhaltenden Töne.
Heutzutage eher die Seltenheit ...
Frank: Ja, sie sind heutzutage eher eine Seltenheit, aber man kann
sie auch heute noch überall antreffen, wenn man die Sinne dafür
öffnet. Doch in einer lauten, hoch agressiven, überaktiven Gesellschaft
sind sie kaum wahrnehmbar.
Karfunkel: Dein persönlicher Ansatz beim Singen?
Frank: "Minnesang" ist für mich eine ganz besonders feine Blüte
oder Seite des großen Themas Liebe, nach dem alle Menschen lechzen:
der Liebe nachjagen, sie aber so nie finden werden. Dies brachten die Minnesänger
in den sogenannten Minneklagen zum Ausdruck. In einer wesentlich stilleren
Zeit als heute blühte sie in unseren Breitengraden auf und brachte
einen wunderbaren geistigen Duft hervor, den ich persönlich besonders
schätze. Kurz umschrieben ist mein persönlicher Ansatz ein meditativer:
Es geht mir um das Hineinfühlen in die Botschaft von Liebe, die im
Minnesang in besonderer Weise ihren Ausdruck findet und darin liebevoll
gepflegt wird. In Falkenstein konnten wir das ausprobieren: Die Burgvogtin
Ulrike Dillitzer war dort die Adressatin unserer Bekundungen dieser feinen
Gefühlszustände, die wir zum Ausdruck bringen durften, mit Hilfe
jener Kunst, die unsere Vorbilder so meisterhaft beherrschten.
Karfunkel: Wie bist du eigentlich zum Minnesang gekommen?
Frank: Wie die Jungfrau zum Kinde. In der Oberstufe interessierte ich
mich schon für alte Musik. Nach dem Abitur lebte ich ein Jahr lang
in einem Zisterzienserkloster, in dem die mittelalterliche Musik bis auf
den heutigen Tag in Form des Stundengebets mehrmals täglich gepflegt
wird. Ich hätte mich dort in der Choralforschung spezialisiseren können.
Mein Lebensweg verlief anders, doch dem Reiz mittelalterlicher Musik konnte
ich mich nicht mehr entziehen, auch wenn ich zwischendurch andere Musik
machte (z.B. Barockmusik oder 'minimal music' von Phil Glass).
Karfunkel: Was fasziniert dich an der Mittelaltermusik?
Frank: Gerade das Faszinierende ist so schwer in Worte zu fassen. Diese
alte Musik hat einfach eine ganz besondere Schönheit! Da sind zunächst
die eben schon erwähnten besonderen Botschaften des Minnesangs, die
wohl einmalig in der Literatur sind. Andererseits ist diese Art der Musik
in ihrer Schlichtheit und zugleich in ihrer Aussagekraft der alten 'Kirchentonarten'
weiterhin so kraftvoll, auch wenn sie über lange Zeit eine Art Dornröschenschlaf
gehalten hat.
Karfunkel: Du nennst dich selbst "Franz von Oberburg". Eins der beiden
Lieder, die dir den Sieg brachten, stammt vom Minnesänger von Obernburg.
Ist das dein Lieblingssänger?
Frank: Im strengen Sinne keineswegs. Er ist in den vergangenen Jahren
für mich zu einer Art 'Alter ego' geworden. Die Frage nach dem Warum
kann ich nicht beantworten. Vor gut zehn Jahren pickte ich ihn in einer
Gesamtausgabe der Manessischen Liederhandschrift heraus - oder: drängte
er sich mir auf dem Wege des sogenannten Zufalls auf? Schon allein sein
Name "Obernburg" lenkte mein Interesse auf ihn. Eine nur 8 km von meinem
derzeitigen Wohnsitz gelegene Kleinstadt ist Obernburg am Main. Die Gestalt
des Von Obernburg (lebte um 1250) und sein schmales Werk (nur sieben Liedtexte
sind überliefert) ließ mich nicht mehr los und es entstand nach
und nach ein Liederzyklus mit Eigenvertonungen der Lieder, zu denen ja
keine Melodien überliefert sind. Es erwuchs über Jahre eine innige
Verbindung zu ihm. Meine Recherchen über seine Person ergaben jedoch,
daß er wahrscheinlich aus dem heutigen Oberburg im Emmental, im Kanton
Bern gelegen, entstammt. Wir kennen nicht einmal seinen Vornamen, doch
nach Meinung eines Heimatforschers hieß er vielleicht Johann. Nach
Oberburg in der Schweiz unterhalte ich mittlerweile auch Kontakte. Der
Name "Franz von Oberburg" ist also von mir nicht gänzlich aus der
Luft gegriffen. Franziskus ist mein Namenspatron, der im 13. Jh. viel von
sich Reden machte.
Karfunkel: Das andere Lied schrieb Reinmar von Brennenberg, ja auch
ein fast vergessener Dichter. Was gefiel dir an diesem Lied?
Frank: Wiederum wollte es der Zufall, daß ich dieses Lied auswählte.
Dr. Lothar Jahn hätte ja lieber ein Lied von Wizlaw, dem großen
und einzigartigen Nordlicht unter den Minnesängern, von mir gehört,
wie ich es auf der CD zum Minnesänger-Wettstreit gesungen habe. Ich
als eher Süddeutscher wollte aber lieber etwas aus der "Südkurve"
singen. Im September des vergangenen Jahres besuchte ich in der Nähe
von Regensburg einen theologischen Fortbildungskurs und da wollte ich mir
erst einmal Burg Falkenstein ansehen. Dabei kam ich durch das nur wenige
Kilometer entfernte Brennberg, dem Ort des einst so mächtigen Geschlechts
der Brennenberger: Dort steht die Heimatburg des Minnesängers Reinmar
von Brennenberg - da war mir klar, ich wollte eins seiner Lieder singen.
Auch mit ihm beschäftigte ich mich dann ein wenig näher, die
Ergebnisse finden wie meine Studien zum "Von Obernburg" sich auf www.minnesang.com.
Zu seinen Texten ist sogar die Weise erhalten, eine ganz eigentümliche
Melodie, die großen Reiz hat. Auf diese geheimnisvolle Melodie wurde
bis ins 16. Jahrhundert eine stattliche Anzahl neuer Lieder verfaßt.
Es ist ein ziemlich ausladender Spruch-Ton im nahezu mystischem Gewand.
In der lateinischen Kirchenmusik entspricht er dem X. Ton = hypoäolisch,
dem heutigen moll ähnlich! Heute hört man das Lied nur noch selten,
vielleicht weil es zu den mystischen, stillen Weisen zählt und sich
neben mittelalterlichen Hau-Ruck-Melodien schlecht behaupten kann.
Karfunkel:
Wie fandest du die Idee, einen Minnesänger-Wettstreit zu veranstalten?
Frank: Einfach genial. So etwas gibt es ja sonst nur noch auf der Wartburg
('geteiltez spil').
Karfunkel: Soll es eine Neuauflage geben?
Frank: Schön wäre dies. Ich würde das allen wünschen,
die diesen wunderschönen Abend erlebten, und dieses Ereignis, das
trotzdem einmalig bleibt, in ähnlicher Form wieder erleben könnten.
Karfunkel: Deine Eindrücke von Burg Falkenstein ...
Frank: Dieser Platz beherbergt eine wunderbare Atmosphäre, davon
konnte ich schon mich bei meinem ersten Besuch im September letzten Jahres
überzeugen. Aber Du möchtest wahrscheinlich von mir noch etwas
zu den Eindrücken des Wettstreits erfahren: spannend, spannend, spannend
... für uns 'edlen Recken', für die Burgvogtin Ulrike Dillitzer
ebenso und ich denke auch für das Publikum. Ranghöchster Herr
des Abends, abgesehen vom Schirmherrn und Bürgermeister, war, über
alle Minnesängerkünste erhaben, der Moderator und Minnesängerpapst
"Meister Heinrich von Meißen", auch Frauenlob, genannt, der von Peter
Will hervorragend dargestellt wurde. Ohne ihn hätte am 4. Juni das
Salz in der Suppe gefehlt, bzw. der scharfe Pfeffer für uns Sänger.
Mit Meister Heinrich bin ich übrigens in besonderer Weise verbunden.
Er hat seine Grablege im Mainzer Dom gefunden und ich bin beruflich mit
diesem Hohen Haus verbunden. Bei nächster Gelegenheit werde ich ihm
jedenfalls eine Rose zu Füßen seines Grabsteins im Kreuzgang
legen. Übrigens hatte ich zuvor ihn mit Hilfe eines Gebets vor Ort
in Mainz "bestochen", daß er mir beistehen möge.
Karfunkel: ... und von den anderen Teilnehmern am Wettstreit?
Frank: Positiv, alles interessante Persönlichkeiten und kein Profilneurotiker
unter uns. Bei der Auswahl der sieben Erwählten im Vorfeld klärte
sich diese Frage von allein. An diesem Punkt möchte ich keinesfalls
das Ensemble vergessen, das uns an diesem Abend unermüdlich begleitete:
die Spielleute vom Musiktheater Dingo, verstärkt um zwei Gastmusiker
aus Berlin und Salzburg.
Wie oben erwähnt hatte ich den größten Respekt von
den Mitbewerbern, die ich zum größten Teil nur von Tonaufnahmen
kannte. Jeder Sänger brachte seine persönliche Note mit ein.
Sieben ganz unterschiedliche Stimmen und Charaktere hatten die Hörer
zur Auswahl. Es gab keinen nivellierten Einheitsbrei zu hören. Knud
Seckel ließ sich als feinen Tenor hören, dem ich klanglich wohl
am ehesten nahe stehe. Michael Hoffkamp überzeugte im Charakter eines
Folkbarden. Jochen Faulhammer beeindruckte mit einem standfesten Bass,
dem damit alle Weltbühnenbretter offenstehen müssten. Hans Hegner
brachte mit Einfallsreichtum und einen phanasievollen Aufbau die Gesänge
zu Gehör. Der Österreicher Thomas Schallaböck präsentierte
sich im köstlich klingendem salzburgischen Dialekt und überzeugte
mit Humor. Und Marcus van Langen, dieser Lockvogel, verführte das
Publikum erfolgreich mit Rhythmus und seiner knarzig-kräftigen Stimme.
Karfunkel:
Was wünschst du dir persönlich?
Frank: So eine Frage verführt mich leicht, über große
Visionen zu plaudern. Eine wesentliche ist, daß mit Hilfe der Botschaften
des Minnesangs mehr 'minnemäßiges' Mitgefühl sich in der
Welt entfalten möge. Ein mehr persönlicher Wunsch wäre,
wenn mein Liederbuch mit den Liedern des Von Obernburg "Ich wil wol von
wibes guete" weiterhin Verbreitung erfährt und seinen Platz im Minnesängerrepertoire
findet. Mit Ulrich Knopp habe ich ein Konzertprogramm mit sämtlichen
Obernburgliedern erarbeitet und wir sind gerade dabei, diese Lieder auf
eine 'Strahlenscheibe' (CD) zu bringen. Ähnliche Verbreitung wünsche
ich mir aber auch für die Veröffentlichung meiner Auswahl von
zwölf Liedern aus dem Schedelschen Liederbuch (um 1460), die vergangenen
Herbst erschienen ist. Beide Hefte sind bei im Verlag der Spielleute oder
bei mir direkt erhältlich. Ganz persönlich wünsche ich mir,
daß ich -wie in den letzten Jahrzehnten zuvor- weiterhin Freude an
dieser besonderen Musik haben werde.
Das Interview führte Jens Ruge.