erschienen in Karfunkel Nr. 59, August/September 2005

Minnesänger-Wettstreit auf Burg Falkenstein am 4. Juni 2005

Am 4. Juni 2005 fand der lang erwartetete Minnesänger-Wettstreit 2005 auf Burg Falkenstein bei Regensburg ein, der vom Mittelaltermagazin Karfunkel präsentiert wurde. Diese Gegend atmet noch etwas von jener vergangenen Zeit, als die mittelalterlichen Sänger um die Gunst der edlen Damen sangen und manchmal auch stritten. So befindet sich fast nur einen Steinwurf weit entfernt die gut erhaltene Burg des Minnesängers Reinmar von Brennenberg. Und Regensburg selbst hat mit den Burggrafen von Rietenburg und von Regensburg gleich zweimal Eingang in die Große Heidelberger Liederhandschrift gefunden.
Also beste Startbedingungen für einen gelungenen Wettstreit? Eigentlich ja! Doch bis 15 Uhr war es an diesem Tag kühl und regnerisch. Dabei sollte die Veranstaltung doch in diesem wunderbaren Burghof mit seinen Arkadengängen stattfinden! Schließlich hatte Petrus ein Einsehen, und so riss rechtzeitig vor dem großen Ereignis der Himmel auf. Es war zwar noch ein wenig kühl, aber trotzdem sonnig, als sich aus ganz Deutschland, ja sogar Österreich die Zuschauer einfanden - schließlich hatten fünf Rundfunksender die Veranstaltung ausführlich angekündigt und auch das Bayrische Fernsehen war präsent.

Der Herold eröffnete das Spektakel mit einer Fanfare und dem Spruch „Willkommen auf Burg Falkenstein, / Heut' finden sich hier Sänger ein, / Zu messen sich mit Melodei'n, / Der Beste soll der Sieger sein!“ den Wettstreit. Auf der oberen Arkade hatten inzwischen die Burgvogtin Ulrike von Falkenstein (Ulrike Dillitzer) und der schon etwas betagte Minne- und Meistersänger Heinrich Frauenlob (Peter Will) Platz genommen, ein wahrer Marcel Reich-Ranicki des Mittelalters, wie sich noch zeigen sollte. Die begeisternde und erstaunlich vielseitige musikalische Untermalung kam vom Musiktheater Dingo aus Nordhessen mit vollem mittelalterlichen Instrumentarium, verstärkt um Ursel Peters (Fundevogel) und Peter Rauter (Dulamans Vröudenton).

Den Reigen eröffnete mit klarer, zarter Stimme und starker Gestik die „Nachtigall vom Neckartal“ (Knud Seckel, mit Drehleier) mit einem frischen „Tempus transit gelidum“ aus den Carmina Burana, im zweiten Durchlauf setzte er einen Kontrast mit einer zarten Version von Oswalds Tagelied „Wach auff, mein Hort“.

Viel härter ging der „Ewige Spielmann“ Marcus van Langen (mit Laute) zur Sache, der schon bei Walthers Palästinalied das Publikum zum Mitklatschen brachte. Später setzte er mit einer rockigen Version von Neidharts „Meie din“ noch einen drauf, wobei er auch mit deftigen Scherzen nicht sparte.

Dritter im Bunde war „Franz von Oberburg“ (Frank S. Wunderlich). Er sang eine zu Herzen gehende Version von „Wol mich des tages“ des schon erwähnten Brennenbergers, nur begleitet von Tenorflöte und Laute. Sein zweiter Beitrag war eine herrliche Eigenvertonung des Liedes „Ich bin in min herze wunt“ des Minnesängers von Obernburg.

Jochen Faulhammer alias „Ekkehard von Scharfenstein“ begeisterte mit Meister Alexanders Wehklage, gefühlvoll vorgetragen mit stolzem Bass und starker Gestik. Sein zweiter Beitrag war noch anspruchsvoller: Jauffre Rudels Hymne an die ferne Liebe rührte das Publikum fast zu Tränen.

„Der Fundevogel“ Hans Hegner (mit Trommel) lockerte die Stimmung wieder ein wenig auf: In einem Duett mit Ursel Peters sang er Neidharts „Blozen“, ein Lied vom ewigen Streit zwischen Mütterlein und Töchterlein. Noch beeindruckender geriet seine „Kür“: Hier trug er mit viel Gefühl zwei Wizlaw-Lieder vor und ergänzte sie um stimmungsvolle eigene Prosa- Nachdichtungen der Verse des Minnesängers aus Rügen.

Die humorvollsten Beiträge kamen von „Thomasin von Salzburg“ (Thomas M. Schallaböck, mit Drehleier): Im schönsten Österreichisch trug er, begleitet durch seinen Flötenspieler Peter Rauter, des Mönchen „Kühhorn“ und Morungens „Nein! Ja!“ vor. So trocken und zugleich witzig war Minnesang noch nie!
Den Reigen beschloss schließlich „Michael vom Richtberg“ (Michael Hoffkamp) mit seiner Laute. Konrad von Würzburgs Herbstlied gelang ihm trefflich, noch stärker geriet seine von den Spielleuten hervorragend begleitete Version des berühmten Falkenliedes aus der Feder des Kürenbergers - eines der ältesten Minnelieder, das am Hof zu Falkenstein genau den rechten Platz hatte!

Meister Frauenlob führte durch die Beiträge, sparte zunächst nicht mit Lob, um sich nach und nach in immer abstrusere Kritiken zu versteigen, sodass er sich nach und nach den Hass der Minnesänger und des Publikums zuzog. Keine Frage - hier stand einer, dem keiner das Wasser reichen konnte, so brillant die Sänger auch an diesem Abend agierten!

Der Herold beendete den Wettstreit mit den Worten: „Die Lieder allhier sind verklungen: / Ein jeder hat zweimal gesungen / Vom Lieben und vom Leiden. / Nun gilt es zu entscheiden.“ Die Entscheidung war sehr schwer - sieben starke Kontrahenten hatten ihr Bestes gegeben. Die Burgvotin zog sich in ihre Kammer zurück, auch die Zuschauer gaben ihre Stimmzettel mit ihrem Favoriten ab, denn es sollte auch ein Publikumspreis vergeben werden. Die Zeit bis zur langersehnten Siegerehrung vertrieb ein „Spielweib, drall und schön aus welschen Landen“: Dagmar Jahn vom Musiktheater Dingo sang mit ihrer wunderschönen Sopranstimme das traurige Troubadourlied „De moi doleros“, um dann mit der frechen und mitreißenden Falkenlied-Parodie „Die Trappgans“ den Meister Frauenlob fast bis zur Weißglut zu reizen. Sie konterte damit, dass er doch selber zeigen solle, wie man's besser macht. Und er hätte es fast getan - leider, leider tauchte genau in diesem Moment der Herold auf und verkündete: „Nun endlich gilt's zu krönen, / Mit Lorbeer zu verwöhnen / Den, der mit seinen Tönen / Begeistert hat die Schönen.“
Alle warteten nun gespannt auf die Worte der Burgvogtin. Wessen Lied würde wohl ihr Herz am tiefsten gerührt haben? Und dann die Erlösung: „Mein Herz hat den Sieg über den Verstand errungen und somit ist der Sieger Franz von Oberburg. Kniet nun nieder, damit ich Euch mit dem Lorbeerkranze schmücken kann.“ Mit vergoldetem Lorbeer bekränzt sang Frank S. Wunderlich nochmals das innige „Ich bin in min herze wunt“. Ihm gratulierte schließlich auch Meister Frauenlob: „Mit Fleiß und Demut und viel Üben könnt Ihr dereinst ein großer Sänger werden!“

Das Volk aber hatte ganz anders entschieden: Sein Favorit war war der Mittelalter-Rocker Marcus van Langen, der sich mit einer noch fetzigeren Variante des Palästinalieds revanchierte, bei der sogar Dingo-Chef Dr. Lothar Jahn, der den Wettstreit leitete und organisierte, mitsamt seiner Laute in die Knie ging.
Mit dem Lied „Alles geht dahin“, frei nach Neidhart von Reuental, verabschiedeten sich die Minnesänger und Spielleute. Ein wunderbarer Abend, der allen Beteiligten und Gästen noch lang in Erinnerung bleiben wird! Die Burgvogtin mischte die Wehmut aber mit Hoffnung: Sie verabschiedete die Sänger mit den Worten „Möge Euch ein neues Jahr erneut zur Burg hin bringen...“ Hoffen wir, dass der Minnesänger-Wettstreit zur festen Institution wird!