20
JAHRE COLLAGE
Furioses Jubiläum in der Zitadelle
von Sandra Martini
Am Sonntag, den 15.3.2009, öffnete der Gotische Saal der Zitadelle in Berlin-Spandau für ein ganz
besonderes Jubiläumskonzert seine Türen. Im Jahr 1989
gründeten die Harfenistin Judy Kadar und der Schalmeispieler,
Flötist und Maler Klaus Sonnemann das Ensemble „Collage
– forum für frühe musik berlin“. Seitdem treten
sie mit unterschiedlichen Programmen und themenbezogen variierender
Besetzung auf.
Ihr
musikalisches Augenmerk richten sie dabei auf das 13. bis 17.
Jahrhundert. Doch „Collage“ feierte an diesem Abend nicht
nur sein 20-jähriges Bestehen sondern ist nun seit nunmehr
fünf Jahren fester Bestandteil der Konzertreihe „Historische
Musik am Historischen Ort“ in der Zitadelle Spandau. Das nahmen
die „Collage“-Gründer zum Anlass viele internationale
Künstler, mit denen sie im Laufe der Jahre schon gemeinsam
auftraten, in einem Ensemble zu vereinen, um dieses Jubiläum
gebührend zu feiern. Schon das alte Gemäuer der Zitadelle und
die urige Atmosphäre des Gotischen Saals – bekannt für
seine gute Akustik – stimmten den Zuhörer auf längst
vergangene Zeiten ein. Die Veranstaltung war so gut besucht, dass die
vorgesehene Bestuhlung nicht ausreichte und noch zusätzliche
Sitzmöglichkeiten geschaffen werden mussten. Nach einer
zwanzigminütigen Verzögerung – die man allerdings auf
den bequemen Stühlen und bei dem guten Programm, das man im
Anschluss geboten bekam, bereitwillig hinnahm – begann das
Konzert schließlich mit dem Renaissancestück „Tant que
vivrai“ von Claudin de Sermisy, das in die musikalische Vielfalt
des gesamten Ensembles einführte.
Gesanglich sind insbesondere Cassandra Hoffmann und Amy Green
hervorzuheben, die mit klaren, ausdrucksstarken Stimmen brillierten und
ihre Beiträge kunstvoll melismatisch gestalteten. Dem Publikum
wurde ein breites Spektrum sowohl an bekannten als auch an
ausgefallenen alten Instrumenten vorgestellt: Harfe, Fidel,
Schalmei, Posaune, Rebec, Renaissancegitarre und Ud waren noch
längst nicht alle Instrumente, die zum Einsatz kamen. Sogar eine
Saitentrommel, ein Eigenbau von Klaus Sonnemann, war vertreten. Achim
Blazejewskis Spielweise dieses Instruments veranschaulichte, warum es
trotz Saiten eben doch ein Schlaginstrument ist. Seine Bewegungen
erinnerten an die eines enthusiastischen Schlagzeugers in vollem
Einsatz.
Klaus Sonnemann und Judy Kadar
Eine ebenfalls bemerkenswerte Darbietung war das andalusisch
sephardische Stück „Los bilbilicos“, dessen spanischem
Flair man sich nicht entziehen konnte. Klaus Sonnemann spielte die
Schalmei und Judy Kadar wechselte zwischen Saitentrommel und Harfe.
Besonders ihr Harfenspiel war Ohrenschmaus und Augenweide zugleich.
Absoluter Höhepunkt dieses Stückes war ein ausgedehnter
Solopart auf der Ud, übernommen von Farhan Sabbagh. Ganz vertieft
und virtuos zupfte er auf seinem Instrument, als gäbe es nur ihn
und seine Laute. Das Publikum vergaß beinahe zu atmen, so
angespannt hörte es seinem leidenschaftlichen Spiel zu. Klaus
Sonnemann spielte mit einer solchen Fingerfertigkeit, Geschwindigkeit
und Ausdauer die Flöte, dass man beim Anblick seines zeitweise
hochroten Kopfes befürchten musste, dass ihm buchstäblich die
Luft ausblieb, was natürlich nicht geschah.
Hans Hegner und Achim Blazejewski
Für eine
aufgelockerte Stimmung sorgten Hans Hegner und Wilfried Staufenbiel mit
ihrer unterhaltsamen Verbindung von darstellerischer Leistung und
Musik. Hans Hegner trug dem Publikum so ausdrucksstark die
Übersetzung des mittelhochdeutschen Textes des
Neidhart-„von-Reuental“-Liedes „Blôzen“
vor, dass so mancher Zuhörer aufschreckte und sich angesprochen
fühlte, als der Künstler mit lauter Stimme eine mahnende
Mutter mimte, die ihre Tochter tadelte. So eingestimmt konnten die
wachgerüttelten Anwesenden auch dem mittelhochdeutschen Text des
anschließenden musikalischen Vortrags folgen.
Mit dem Instrumentalstück Jean Vaillants „Per mainte
foys“ leiteten Judy Kadar (Harfe), Klaus Sonnemann (Flöte)
und Wilfried Staufenbiel (Fidel) seriös und ernsthaft in das
Stück Oswalds von Wolkenstein „Der may mit lieber zal“
ein. Um so erstaunlicher war es, als Wilfried Staufenbiel, sich selbst
auf der Fidel begleitend, auf äußerst amüsante Art die
unterschiedlichsten Vogelstimmen imitierte und das Publikum auf diese
Weise zum Schmunzeln und Lachen brachte.
Eine besonders bemerkenswerte Soloeinlage konnte man bei den
„Gavotten“ von Caroubel und Praetorius wieder einmal von
Farhan Sabbagh erleben: Dieser brachte auf der Schellentrommel auf
solch vielseitige Weise Rhythmen und Klänge hervor, dass das
Publikum ihn mit tobenden Applaus feierte, noch ehe das Stück
seinen Abschluss fand. Wieder stand er mit geschlossenen Augen und ganz
im Einklang mit seinem Instrument auf der Bühne, spielte
hingebungsvoll als würde es all die Zuschauer nicht geben und
zeigte dennoch eine wirkungsvolle Bühnenpräsenz.
Mit dem stimmungsvollen „Rodrigo Martinez“ von Cancionero
de Palacio ließ „Collage“ das Konzert nach drei
Stunden ausklingen und das Publikum gut gelaunt nachhause ziehen. Doch
zuvor galt es noch ein Lied anlässlich eines weiteren
Jubiläums gemeinsam mit dem Publikum zu singen, das so gar nichts
mit früher Musik gemein hatte: Ein „Happy Birthday“
auf Klaus Sonnemann, denn der feierte an diesem Tag auch noch seinen
Geburtstag.
Ein rundum gelungenes Konzert, das mit seiner Vielfalt Lust auf mehr machte!
> Die Website von Collage findet sich hier.
> Zur Website von Hans Hegner.
> Zur Website von Wilfried Staufenbiel. Wilfried Staufenbiel ist Publikumssieger beim Falkensteiner Minneturnier 2008.
> Hans Hegner und Wilfried Staufenbiel sind zu hören auf der CD
"Falken, Lerchen, Nachtigallen". Die CD kann für 15 Euro plus 3
Euro Versand hier bestellt werden.
