Dass die Liebe auch Erfüllung zu bieten hat, selbst wenn es heimlich geschieht, das machte Walther in seinen "Mädchenliedern" deutlich, die deshalb auch von Traditionalisten seiner Zeit trotz ihrer schlichten Schönheit vehement abgelehnt wurden. Das bekannteste und zarteste dieser Werke, die von den Freuden der erfüllten Liebe singen, ist "Unter der Linde". Hier berichtet ein Mädchen nicht ohne Stolz von der Begegnung mit dem Geliebten im Freien - auch, dass dabei nicht nur Händchen gehalten wurden, wird nicht verheimlicht, wenngleich das bei Walther in der gebotenen Zurückhaltung zur Sprache kommt.
Zur Vertonung wird meist das Troubadourlied
"En mai..." gewählt, eine ganz einfache Melodie, die um den Ton a
kreist, und doch einen merkwürdigen Zauber hat. Allerdings verströmt
diese Melodie eine unüberhörbare Melancholie, die das Unwiederbringliche,
Vergangene des zärtlichen Augenblicks zum Ausdruck bringt. Räkel
sieht in dem Lied eine Gegen-Utopie zu den Dogmen des Minnesangs wie Dienst,
Dauer und Entsagung: eine von allen gesellschaftlichen Zwängen und
Konventionen losgelöste Erfüllung der Liebe im zärtlichen
Augenblick. - eine Erfahrung, wie sie bis heute nur in wenigen Momenten
unter den Bedingungen der Heimlichkeit möglich ist.
|
|
|||
|
an der heide, dâ unser zweier bette was dâ mugent ir vinden schône beide gebrochen bluomen unde gras. Vor dem walde in einem tal, tandaradei, schône sanc diu nahtegal. Ich kam gegangen
Dô het er gemachet
Daz er bî mir laege,
|
An der Heide, Wo unser beider Bette war, Da werdet ihr finden, Schön wie Seide, Duftende Blumen wunderbar. Vor dem Walde in einem Tal, Tandaradei! Herrlich sang die Nachtigall. Ich kam gegangen
"Was hat er gemachet?"
Dass er bei mir lag,
|
||
|
|
|||
>>> Das Lied auf CD: DINGO "Minne, traute Minne", ESTAMPIE "A Chantar" (MP3 hier), DULAMANS VRÖUDENTON "Minnesänger in Österreich" (MP 3 hier), KURTZWEYL "Kurzweil mit Kurtzweyl", STUDIO DER FRÜHEN MUSIK "Troubadours, Trouvères, Minstrels"
Der Autor Horst Stern beschreibt in seinem Buch "Mann aus Apulien" (Verlag Jahr 0.0) eine fiktive Begegnung zwischen Walther von der Vogelweide und seinem späten Dienstherren und Lehensgeber, den wissenschaftlich hoch interessierten Stauferkaiser Friedrich II. Friedrich kritisiert dabei Walthers Lied unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten kritisiert: Wer die Erscheinungen der Liebe offen benenne, müsse auch die Erscheinungen der Natur genau schildern. Der Baum der Heide sei die Birke, nicht die Linde. Blumen und Gras gehörten, wenn sie gemeinsam ein Bettstatt bilden sollen, auf die Wiese, nicht auf die Heide - die lilafarbene Erika hätte "dem nackten Hintern Eurer schönen Fräuleins ganz andere Laute als solche der Liebe herausgekitzelt". Aue und Heide gehörten ohnehin nicht zusammen, die eine sei trocken, die andere nass. Auch der Vogel sei falsch gewählt: nicht die Nachtigall, sondern die Lerche sei auf der Heide zuhause. Er endete laut Stern aber versöhnlich: "Doch sei die Sache, wie sie sei, ob Aue oder Heide, so grüß ich doch mit Tandaradei den Herrn der Vogelweide!"
Was Walther zart, aber trotzdem deutlich andeutet, wird in den "Carmina Burana" deutlich angesprochen. Die Carmina sind eine Liedersammlung aus dem 13. Jahrhundert, in der sich auch echte Minnelieder finden, vor allem aber viele eher volkstümliche Lieder der herumziehenden Spielleute und Vaganten. Charakteristisch für die meisten Gesänge aus den Carmina ist die Mischung zwischen Mittelhochdeutsch und sogenanntem Küchenlatein, einer trivialisierten Abart der lateinischen Sprache, die damals vielerorts verstanden wurde. Die Musik, wie wir sie von Carl Orffs Fassung der alten Texte kennen, hat übrigens nichts mit den in rudimentäter Notation überlieferten Originalmusik zu tun.
Das folgende Lied aus den Carmina liest sich
wie eine derbe und entzauberte Variation von Walther von der Vogelweides
oben vorgestelltem Lied "Unter der Linde". Wieder geht es um erotische
Kontakte unter der Linde, doch diesmal wird das sexuell fordernde Verhalten
des Mannes und sein anschließendes Verschwinden auf Nimmerwiedersehen
mit beißender Kritik bedacht.
|
|
|||
|
virgo dum florebam, do brist mich div werlt al, omnibus placebam. Hoy et oe! maledicantur tilie iuxta viam posite! Ia wolde ih an die wisen
gan,
Er nam mich bi der wizen
hant
Er graif mir an daz wize
gewant
Er sprach:,vrowe, gewir
baz!
"Iz stat ein linde wolgetan
Do er zu der linden chom
Er graif mir an den wizen
lip,
Er warf mir uof
daz hemdelin,
Er nam den chocher unde
den bogen,
|
Virgo dum florebam, Die Unschuld war noch immer mein, Omnibus placebam. Hoy, hoy et oe. Verflucht sollen alle Linden sein, die am Wegrand steh'n! Bis ich zu dieser Linde
kam,
Er nahm ganz einfach
meine Hand,
Er griff mir an das
weiße Gewand,
Dann sprach er: "Mädchen,
komm schnell mit,
"Dort wo die schönsten
Linden steh'n,
Als er dann zu der
Linde kam,
Er griff mir an den
weißen Leib,
Er zog mir aus mein
Hemdelein,
Er nahm den Pfeil und
auch den Bogen.
|
||
|
|
|||
>>> Das Lied auf CD: ESTAMPIE "A Chantar", ELSTER SILBERFLUG "Muget Ihr Schauen", FREIBURGER SPIELLEYT "O Fortuna"
Von Walther auch interessant ist "Si
wundervol gemachet wîp". Hier beschreibt er die Frau,
dieses Wunder der Schöpfung, in den leuchtendsten Farben, arbeitet
sich über Gesicht und Hals über Fuß und Wade langsam
bis zur Mitte vor. Er verhehlt nicht, dass ihm der Anblick dessen, was
sonst versteckt ist, bei einer heimlichen Beobachtung der Angebeteten
beim Bade, am meisten entzückt.
Ulrich von Liechtenstein schrieb ein kunstvolles
Lied über die Farben des Sommers, das in einem poetischen Lobpreis
der geschlechtlichen Vereinigung mündete. Auch hier ist Walthers Vorstellung
der gegenseitigen Liebe als Leitgedanke lebendig. Doch bei dieser für
den traditionellen Minnesang ja eher unüblichen Thematisierung der
Minne als "Freudenspiel", die wirklich ihr "Ziel" erreicht, schimmert an
so mancher Stelle das erduldete Leid, die Anstrengung und Entsagung des
Minnedienstes durch die Verse hindurch. Am Ende soll ihr "vielhitzeroter
Mund", der von der Liebe wund wird - ein wunderbares Bild - beiden Erlösung,
ja "Gesundheit" bringen. Dafür bricht der versierte Dichter sogar
aus der Form aus und hängt eine zusätzliche Zeile an die letzte
Strophe. Vielleicht ist das Lied aber auch nur die sehnsuchtsvolle Fantasie
des erfolglosen Ritters, der in der Einsamkeit einer blühenden Sommerwiese
von der Erfüllung seiner Träume fabuliert?
|
|
|||
|
heide velt anger walt, hie und dâ wîz, rôt, blâ, gel, brûn, grüen, wol gestalt. wünneclîch, fröiden rîch ist gar swaz diu erde treit. saelic man, swer sô kan dienen daz sîn arebeit im liebe geit. Swem got gît daz
er lît
Swem ein wîp sînen
lîp
Saelden hort ist ein wort
Minnen solt wirt geholt
dar nâch gesunt. |
Liegt der Wald und das Feld. Weiß, rot, blau strahlt die Au, Feurigbunt lockt die Welt. Wonnengleich, freudenreich, Welch ein Quell dem Licht entspringt. Der wird froh, der nun so Dient, dass die, für die er singt, Ihm Hoffnung bringt. Wem Gott gibt, dass
er liebt,
Wenn ein Mann spüren
kann,
Glückes Hort schenkt
ein Wort
Minne Sold wird gezollt
... und dann gesund! |
||
|
|
|||
Bei der Vorstellung von Neidhart
von Reuental wurde bereits gezeigt, wie man sich der Stereotype des
Minnesangs bedienen kann, um sie im neuen Kontext in überraschende,
verblüffende Wendungen von unerwarteter Komik zu überführen.
In einem Lied geht er auch erotisch ins Detail: Er wendet eine Minneklage
über eine undankbare Herrin in die detailreiche Schilderung der Beobachtung,
wie ein Rivale - ein Rittersmann aus Wien - sich an die Angebetete heranmacht.
Versteckt im Unterholz muss er mit anhören, wie die Dame seines Herzens
ihren Rittersmann anfeuert: "Beweg nur deinen Hürzel Bürzel tüchtig,
dann macht der Gimpel Gempel alles richtig!" Das Lied endet - übrigens
aus dem üblichen Vers- und Strophenmaß ausbrechend - mit einem
erlösenden "Hurra - oh ja - wer kommt denn da!" der durch Gimpel Gempel
und Hürzel Bürzel offenbar sehr zufriedengestellten edlen Dame.
|
|
|||
|
gar allen minen muot. ich wande ich hetz vol endet. si sprach wa ist daz guot. ich kan iu niht gezeigen. des minen guotes mer. wan riuwental ist min eigen. daz braht min mvoter her. frowe daz wil ich iu gippen gappen. herre daz sult ir iu hippen happen. Der ich mich mit willen
Ich kom ir nach geslichen.
Do si den gimpel gempel.
|
Mein Trachten und mein Tun. Für sie hab ich gedichtet, Sie ließ mich niemals ruh'n. "Sag, was könnt Ihr mir zeigen An Gütern und an Pracht?" "Dies Haus nur ist mein eigen, Das mir Mama vermacht. Das würde ich so gerne mit Euch teilen." "Oh Gott! Da könnt' ich keinen Tag verweilen." Die, der ich einst in Treue
Ich bin ihr nachgegangen,
Sie zog den Gimpel-Gempel
|
||
|
|
|||
>
Das Lied auf CD: I
CIARLATANI "Codex Manesse"
Eindeutig-zweideutig formuliert auch Wizlaw von Rügen
in zweien seiner Minnelieder: In "Wolan Herr Meije" beschreibt eine
eitle, aber sehr hübsche Herrin, die er aufs Artigste lobt, bis er
dann endlich zur Sache kommt: "Ach, wenn ich sie nur hätt' endlich
in meinem Bett". Er macht unverblümt klar, dass sie dort die
allerhöchsten Wonnen erleben würde. Auch sein Winterlied
"Meije schoene" geht in diese Richtung. Der Minnesänger beklagt,
dass die Nächte kalt sind und die Frauen geschlossene Kleider
tragen. Ach, käme doch der Mai zurück. Nur eins hat der
Winter zu bieten: Herrlich lange Nächte, die sich zu zweit
genießen lassen.
Fahrende
Sänger wie Gedrut und Der Kol von Niunzen schufen gar eine Art "Gegengesang",
mit dem sie die Kunst der höfischen Sänger der öffentlichen
Belustigung aussetzten. Der edle Minnedienst und das feine Auftritten der
hohen Herren wurden mit derben, handfesten, oft natürlich auch obszönen
Strophen gekontert. Hier als kurzes Beispiel ein Gedicht des Kol von Niunzen,
das mit den Erwartungen des Publikums spielt! Was vermeintlich anzüglich
beginnt, wird in harmlose Schwärmereien in Minnesänger-Manier
überführt.
|
|
|||
|
biz mir begunde stân mîn herze hôhe; daz kumt von mîm lieplîchen wân. mir kunde von keinem wîbe gestan sô sêre mîn gemüete, daz kumt von dem trôste den ich hân zir wîplîchen güete. |
da wuchs er mir empor - Mein Wunsch, sie zu besitzen, weil ich mein Herz verlor! So stand er bei keiner Dame zuvor - Mein festgefügter Wille, Nur ihr noch zu folgen, der ich schwor Die Treue in aller Stille. |
||
|
|
|||
>> Zu den Stücken ist
Notenmaterial lieferbar. Die Noten kosten pro Lied 3 Euro, hinzu kommt
eine einmalige Porto- und Versandpauschale von EUR 3,-! Die Stücke
sind in heutiger Notation mit Akkorden verfügbar, dazu gibt es
Text und meist auch Übersetzung (oft in sangbarer neuhochdeutscher
Nachdichtung). In einer Klavierbearbeitung kosten die Stücke 6
Euro pro Lied, im vierstimmigen Satz für Ensemble 10 Euro. Bestellung
per Mail. Rechtliche Hinweise zum Rückgabe- und Widerrufsrecht finden sich hier unter Punkt 6 und 7!