EROTISCHER MINNESANG
Von subtiler Zärtlichkeit bis hin zum zupackenden Sex
von Dr. Lothar Jahn

Dass die Liebe auch Erfüllung zu bieten hat, selbst wenn es heimlich geschieht, das machte Walther in seinen "Mädchenliedern" deutlich, die deshalb auch von Traditionalisten seiner Zeit trotz ihrer schlichten Schönheit vehement abgelehnt wurden. Das bekannteste und zarteste dieser Werke, die von den Freuden der erfüllten Liebe singen, ist "Unter der Linde". Hier berichtet ein Mädchen nicht ohne Stolz von der Begegnung mit dem Geliebten im Freien - auch, dass dabei nicht nur Händchen gehalten wurden, wird nicht verheimlicht, wenngleich das bei Walther in der gebotenen Zurückhaltung zur Sprache kommt.

Zur Vertonung wird meist das Troubadourlied "En mai..." gewählt, eine ganz einfache Melodie, die um den Ton a kreist, und doch einen merkwürdigen Zauber hat. Allerdings verströmt diese Melodie eine unüberhörbare Melancholie, die das Unwiederbringliche, Vergangene des zärtlichen Augenblicks zum Ausdruck bringt. Räkel sieht in dem Lied eine Gegen-Utopie zu den Dogmen des Minnesangs wie Dienst, Dauer und Entsagung: eine von allen gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen losgelöste Erfüllung der Liebe im zärtlichen Augenblick. - eine Erfahrung, wie sie bis heute nur in wenigen Momenten unter den Bedingungen der Heimlichkeit möglich ist.
 
 
 
UNTER DER LINDE
 
Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was
dâ mugent ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
Dô was mîn friedel komen ê.
dâ wart ich enpfangen,
here frowe,
daz ich bin saelic iemer mê.
Er kuste mich wol tûsentstunt,
tandaradai,
seht wie rôt mir ist der munt!

Dô het er gemachet
alsô rîche
von bloumen ein bettestat.
Des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
Bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir laege,
wessez iemen
nu enwellen got!, sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflaege,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich,
und ein kleinez vogellîn:
tandaradei,
daz mac wol getruiwe sîn.

 
Unter der Linde 
An der Heide, 
Wo unser beider Bette war, 
Da werdet ihr finden, 
Schön wie Seide, 
Duftende Blumen wunderbar. 
Vor dem Walde in einem Tal, 
Tandaradei! 
Herrlich sang die Nachtigall. 

Ich kam gegangen 
Zu der Aue, 
Da stand mein Liebster längst bereit. 
Da wurd' ich empfangen, 
Edle Fraue, 
Dass ich bin selig alle Zeit. 
Küsst er mich? Wohl tausend Stund, 
Tandaradei! 
Seht, wie rot mir ist der Mund. 

"Was hat er gemachet?" 
Fragt ihr mich. 
Ein Bett aus Blumen für uns zwei! 
Da wird noch gelachet 
Inniglich, 
Kommt jemand an dem Ort vorbei. 
Bei den Rosen er wohl mag 
Tandaradei! 
Sehen, wo mein Kopf einst lag. 

Dass er bei mir lag, 
Wüsste es jemand - 
Das verhüte Gott -, so schämt' ich mich. 
Was er mit mir wagte, 
Niemals niemand 
Sollte davon wissen als er und ich 
Und ein kleines Vögelein. 
Tandaradei!
Das wird wohl schön stille sein.

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

>>> Das Lied auf CD: DINGO "Minne, traute Minne", ESTAMPIE "A Chantar" (MP3 hier), DULAMANS VRÖUDENTON "Minnesänger in Österreich" (MP 3 hier), KURTZWEYL "Kurzweil mit Kurtzweyl", STUDIO DER FRÜHEN MUSIK "Troubadours, Trouvères, Minstrels"

Der Autor Horst Stern beschreibt in seinem Buch "Mann aus Apulien" (Verlag Jahr 0.0) eine fiktive Begegnung zwischen Walther von der Vogelweide und seinem späten Dienstherren und Lehensgeber, den wissenschaftlich hoch interessierten Stauferkaiser Friedrich II. Friedrich kritisiert dabei Walthers Lied unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten kritisiert: Wer die Erscheinungen der Liebe offen benenne, müsse auch die Erscheinungen der Natur genau schildern. Der Baum der Heide sei die Birke, nicht die Linde. Blumen und Gras gehörten, wenn sie gemeinsam ein Bettstatt bilden sollen, auf die Wiese, nicht auf die Heide - die lilafarbene Erika hätte "dem nackten Hintern Eurer schönen Fräuleins ganz andere Laute als solche der Liebe herausgekitzelt". Aue und Heide gehörten ohnehin nicht zusammen, die eine sei trocken, die andere nass. Auch der Vogel sei falsch gewählt: nicht die Nachtigall, sondern die Lerche sei auf der Heide zuhause. Er endete laut Stern aber versöhnlich: "Doch sei die Sache, wie sie sei, ob Aue oder Heide, so grüß ich doch mit Tandaradei den Herrn der Vogelweide!"

Was Walther zart, aber trotzdem deutlich andeutet, wird in den "Carmina Burana" deutlich angesprochen. Die Carmina sind eine Liedersammlung aus dem 13. Jahrhundert, in der sich auch echte Minnelieder finden, vor allem aber viele eher volkstümliche Lieder der herumziehenden Spielleute und Vaganten. Charakteristisch für die meisten Gesänge aus den Carmina ist die Mischung zwischen Mittelhochdeutsch und sogenanntem Küchenlatein, einer trivialisierten Abart der lateinischen Sprache, die damals vielerorts verstanden wurde. Die Musik, wie wir sie von Carl Orffs Fassung der alten Texte kennen, hat übrigens nichts mit den in rudimentäter Notation überlieferten Originalmusik zu tun.

Das folgende Lied aus den Carmina liest sich wie eine derbe und entzauberte Variation von Walther von der Vogelweides oben vorgestelltem  Lied "Unter der Linde". Wieder geht es um erotische Kontakte unter der Linde, doch diesmal wird das sexuell fordernde Verhalten des Mannes und sein anschließendes Verschwinden auf Nimmerwiedersehen mit beißender Kritik bedacht.
 
 
VERFLUCHTE LINDEN
 
Ich was ein chint so wolgetan,
virgo dum florebam,
do brist mich div werlt al,
omnibus placebam.
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Ia wolde ih an die wisen gan,
flores adunare,
do wolde mich ein ungetan
ibi deflorare.
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Er nam mich bi der wizen hant
sed non indecenter,
er wist mich div vise lanch
valde fraudulenter.
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Er graif mir an daz wize gewant
valde indeccenter,
er furte mih bi der hant
multum violenter.
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Er sprach:,vrowe, gewir baz!
nemus est remotum".
dirre wech, der habe haz!
planxi et hoc totum.
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

"Iz stat ein linde wolgetan
non procul a via,
da hab ich mine herphe lan,
tympanum cum lyra"
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Do er zu der linden chom
dixit:"sedeamus,"
-div minne twanch s re den man-
"ludum faciamus!"
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Er graif mir an den wizen lip,
non absgue timore,
er sprach:"ich mache dich ein wip,
dulcis es cum ore!"
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Er warf mir  uof daz hemdelin,
corpore detecta,
er rante mir in daz purgelin
cuspide erecta.
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Er nam den chocher unde den bogen,
bene venabatur!
der selbe hete mich betrogen.
"ludus compleatur!"
Hoy et oe!
maledicantur tilie
iuxta viam posite!

 
Ich war ein Mädchen, brav und rein, 
Virgo dum florebam, 
Die Unschuld war noch immer mein, 
Omnibus placebam.
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Bis ich zu dieser Linde kam, 
Flores adunare, 
Wo mich ein Mann im Sturme nahm, 
Ibi deflorare. 
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Er nahm ganz einfach meine Hand, 
Sed non indecenter, 
Und sprach: Ich zeige dir mein Land, 
Valde fraudulenter.
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Er griff mir an das weiße Gewand,
Valde indeccenter,
Er fährte mich mit seiner Hand,
Multum violenter.
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Dann sprach er: "Mädchen, komm schnell mit,
nemus est remotum".
Doch ich verfluchte jeden Schritt,
Planxi et hoc totum.
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

"Dort wo die schönsten Linden steh'n, 
Non procul a via, 
Darfst du nun meine Harfe seh'n, 
Timpanum cum lyra." 
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Als er dann zu der Linde kam,
Dixit: "sedeamus",
Die Minne ganz bezwang den Mann,
"Ludum faciamus!"
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Er griff mir an den weißen Leib,
Non absgue timore,
Er sprach: "Ich mache dich zum Weib,
Dulcis es cum ore!"
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Er zog mir aus mein Hemdelein, 
Corpore detecta, 
Schon stieß er in mein Schößelein, 
Cuspide erecta. 
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein, 
die am Wegrand steh'n! 

Er nahm den Pfeil und auch den Bogen. 
Bene venabatur! 
Doch heut hat er mich längst betrogen, 
Ludus compleatur! 
Hoy, hoy et oe. 
Verflucht sollen alle Linden sein,
die am Wegrand steh'n! 

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

>>> Das Lied auf CD: ESTAMPIE "A Chantar", ELSTER SILBERFLUG "Muget Ihr Schauen", FREIBURGER SPIELLEYT "O Fortuna"

Von Walther auch interessant ist "Si wundervol gemachet wîp".  Hier beschreibt er die Frau, dieses Wunder der Schöpfung, in den leuchtendsten Farben, arbeitet sich über Gesicht und Hals über Fuß und Wade langsam bis zur Mitte vor. Er verhehlt nicht, dass ihm der Anblick dessen, was sonst versteckt ist, bei einer heimlichen Beobachtung der Angebeteten beim Bade, am meisten entzückt.

Ulrich von Liechtenstein schrieb ein kunstvolles Lied über die Farben des Sommers, das in einem poetischen Lobpreis der geschlechtlichen Vereinigung mündete. Auch hier ist Walthers Vorstellung der gegenseitigen Liebe als Leitgedanke lebendig. Doch bei dieser für den traditionellen Minnesang ja eher unüblichen Thematisierung der Minne als "Freudenspiel", die wirklich ihr "Ziel" erreicht, schimmert an so mancher Stelle das erduldete Leid, die Anstrengung und Entsagung des Minnedienstes durch die Verse hindurch. Am Ende soll ihr "vielhitzeroter Mund", der von der Liebe wund wird - ein wunderbares Bild - beiden Erlösung, ja "Gesundheit" bringen. Dafür bricht der versierte Dichter sogar aus der Form aus und hängt eine zusätzliche Zeile an die letzte Strophe. Vielleicht ist das Lied aber auch nur die sehnsuchtsvolle Fantasie des erfolglosen Ritters, der in der Einsamkeit einer blühenden Sommerwiese von der Erfüllung seiner Träume fabuliert?

 
MINNEWUND
 
Sumervar ist nu gar 
heide velt anger walt, 
hie und dâ wîz, rôt, blâ, 
gel, brûn, grüen, wol gestalt. 
wünneclîch, fröiden rîch 
ist gar swaz diu erde treit. 
saelic man, swer sô kan 
dienen daz sîn arebeit 
im liebe geit. 

Swem got gît daz er lît 
lieber, der mac wol sîn 
sunder leit. imst bereit 
zaller zît meien schîn. 
im ist wol, swanne er sol 
spiln der minne fröide spil. 
fröiden leben kan wol geben 
werdiu minne swem si wil: 
si hât sîn vil. 

Swem ein wîp sînen lîp 
minneclîch umbevât, 
ob der niht saelden giht, 
daz ist grôz missetât. 
imst geschehen, wil ers jehen, 
dâ von im wirt trûren kranc. 
sunder meil ist sîn heil, 
swem von linden armen blanc 
wirt umbevanc. 

Saelden hort ist ein wort 
das ein kus in gegît, 
sô ir spil minne wil 
spiln und liep liebe lît. 
ob dâ iht ougen liht 
lieplîch sehen ein ander an? 
jâ für wâr, dâ wirt gar 
minneclîchen wol getân 
swaz ieman kan. 

Minnen solt wirt geholt 
volleclîch dâ ein man 
unde ein wîp umbe ir lîp 
lâzent vier arme gân, 
decke blôz. fröide grôz 
wirt dâ beidenthalben kunt. 
ob dâ niht mêr geschiht, 
kleinvelhitzerôter munt 
wirt minnen wunt, 
 

dar nâch gesunt.

 
Sommerklar wunderbar 
Liegt der Wald und das Feld. 
Weiß, rot, blau strahlt die Au, 
Feurigbunt lockt die Welt. 
Wonnengleich, freudenreich, 
Welch ein Quell dem Licht entspringt. 
Der wird froh, der nun so 
Dient, dass die, für die er singt, 
Ihm Hoffnung bringt. 

Wem Gott gibt, dass er liebt, 
Der darf nun fröhlich sein, 
Frei von Leid, ganz bereit 
Für noch mehr Maienschein. 
Dem wird gut, der voll Mut 
Spielt der Liebe Freudenspiel. 
Helles Leben wird es geben 
An der edlen Minne Ziel, 
Sie schenkt so viel. 

Wenn ein Mann spüren kann, 
Dass die Frau, die er liebt,
Ihn umfängt, zu ihm drängt -
Ob es noch Schön'res gibt? 
Glück entsteht, Trauer geht, 
Wer einst fror, dem wird jetzt warm. 
Echtes Glück bleibt zurück, 
Wenn ein zarter weißer Arm 
Die Schwermut nahm. 

Glückes Hort schenkt ein Wort 
Und ein Kuss ihm allein. 
Wenn ihr Spiel Minne will, 
Wird's schon bald Liebe sein! 
Sucht ihr Blick seinen Blick? 
Seh'n sich beide fragend an? 
Jetzt ist's klar! Hier wird ja
Minniglichen wohlgetan, 
So fängt man's an! 

Minne Sold wird gezollt 
Voll und ganz, wenn ein Mann 
Und ein Weib ihren Leib 
Sich zum Glück bieten an. 
Decke fort! Freudenort 
Soll dies Bett für beide sein. 
Mehr geschieht, als man sieht, 
Ein vielhitzeroter Mund 
Wird minnewund... 

... und dann gesund! 

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

Bei der Vorstellung von Neidhart von Reuental wurde bereits gezeigt, wie man sich der Stereotype des Minnesangs bedienen kann, um sie im neuen Kontext in überraschende, verblüffende Wendungen von unerwarteter Komik zu überführen. In einem Lied geht er auch erotisch ins Detail: Er wendet eine Minneklage über eine undankbare Herrin in die detailreiche Schilderung der Beobachtung, wie ein Rivale - ein Rittersmann aus Wien - sich an die Angebetete heranmacht. Versteckt im Unterholz muss er mit anhören, wie die Dame seines Herzens ihren Rittersmann anfeuert: "Beweg nur deinen Hürzel Bürzel tüchtig, dann macht der Gimpel Gempel alles richtig!" Das Lied endet - übrigens aus dem üblichen Vers- und Strophenmaß ausbrechend - mit einem erlösenden "Hurra - oh ja - wer kommt denn da!" der durch Gimpel Gempel und Hürzel Bürzel offenbar sehr zufriedengestellten edlen Dame.
 
 
 
DER GIMPEL GEMPEL
 
Ich het an si gewendet.
gar allen minen muot.
ich wande ich hetz vol endet.
si sprach wa ist daz guot.
ich kan iu niht gezeigen.
des minen guotes mer.
wan riuwental ist min eigen.
daz braht min mvoter her.
frowe daz wil ich iu gippen gappen.
herre daz sult ir iu hippen happen.

Der ich mich mit willen
ie zedienste bot.
an der han ich ersehen
einen giurtel rot.
swas ich ir gewinke.
das ist ir an mich zorn.
glesin ist diu ringge.
von kupfer ist der dorn.
ich nam sin war es was ein smaler riemen.
den braht ein ritter her von wiemen.

Ich kom ir nach geslichen.
in ein fiur holz.
ir fröide div was michel
bi einen ritter stolz.
ich kom dar nach gegangen.
des wart ich unfro.
div wile wert vnlange.
nider druht er si do.
er gab ir schiere in ir wissen hentel.
eines heisset man
den gimpel gempel.

Do si den gimpel gempel.
in di hant genam.
si fast in an das wempel.
er druht in durch die gram.
nv ruera dv den hozel bozel vaste.
daz der gimpel gempel iht geraste.
urra 
burra 
wer gat da.

 
Auf sie nur war gerichtet 
Mein Trachten und mein Tun. 
Für sie hab ich gedichtet, 
Sie ließ mich niemals ruh'n.
"Sag, was könnt Ihr mir zeigen 
An Gütern und an Pracht?"
"Dies Haus nur ist mein eigen, 
Das mir Mama vermacht. 
Das würde ich so gerne mit Euch teilen."
"Oh Gott! Da könnt' ich keinen Tag verweilen."

Die, der ich einst in Treue 
Meinen Dienst erbot,
Sie brachte stets aufs Neue 
Mir nur große Not.
Ich schenkte schöne Dinge, 
Doch nichts war gut genug:
Tücher, Perlen, Ringe, 
Die sie niemals trug.
Nun trägt sie einen Gürtel, rot wie Feuer.
Einem Rittersmann aus Wien war nichts zu teuer!

Ich bin ihr nachgegangen, 
Versteckte mich im Holz.
Dort wurde sie empfangen 
Von ihrem Ritter stolz.
Der fackelte nicht lange, 
Der kam sehr schnell zum Ziel,
Als er in wildem Drange 
Mit ihr zu Boden fiel.
Er schob in ihre schönen weißen Hände
Den Gimpel-Gempel. 
Ach, ahnt ihr schon das Ende?

Sie zog den Gimpel-Gempel 
Mit ihrer weißen Hand
Hinab zum Freudentempel, 
Bis er die Pforte fand.
"Beweg nun deinen Hürzel-Bürzel tüchtig,
Dann macht der Gimpel-Gempel alles richtig.
Hurra!
Oh ja!
Wer kommt denn da???

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

> Das Lied auf CD: I CIARLATANI "Codex Manesse"
 
Eindeutig-zweideutig formuliert auch Wizlaw von Rügen in zweien seiner Minnelieder: In "Wolan Herr Meije" beschreibt eine eitle, aber sehr hübsche Herrin, die er aufs Artigste lobt, bis er dann endlich zur Sache kommt: "Ach, wenn ich sie nur hätt' endlich in meinem Bett".  Er macht unverblümt klar, dass sie dort die allerhöchsten Wonnen erleben würde. Auch sein Winterlied "Meije schoene" geht in diese Richtung. Der Minnesänger beklagt, dass die Nächte kalt sind und die Frauen geschlossene Kleider tragen. Ach, käme doch der Mai zurück. Nur eins hat der Winter zu bieten: Herrlich lange Nächte, die sich zu zweit genießen lassen.

Fahrende Sänger wie Gedrut und Der Kol von Niunzen schufen gar eine Art "Gegengesang", mit dem sie die Kunst der höfischen Sänger der öffentlichen Belustigung aussetzten. Der edle Minnedienst und das feine Auftritten der hohen Herren wurden mit derben, handfesten, oft natürlich auch obszönen Strophen gekontert. Hier als kurzes Beispiel ein Gedicht des Kol von Niunzen, das mit den Erwartungen des Publikums spielt! Was vermeintlich anzüglich beginnt, wird in harmlose Schwärmereien in Minnesänger-Manier überführt.
 
 
 
ICH SASS BEI MEINER HERRIN
 
Ich saz bî miner frouwen 
biz mir begunde stân 
mîn herze hôhe; 
daz kumt von mîm lieplîchen wân.
mir kunde von keinem wîbe gestan
sô sêre mîn gemüete,
daz kumt von dem trôste den ich hân
zir wîplîchen güete.
 
Ich saß bei meiner Herrin, 
da wuchs er mir empor - 
Mein Wunsch, sie zu besitzen, 
weil ich mein Herz verlor! 
So stand er bei keiner Dame zuvor - 
Mein festgefügter Wille, 
Nur ihr noch zu folgen, der ich schwor
Die Treue in aller Stille. 
 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)



>> Zu den Stücken ist Notenmaterial lieferbar. Die Noten kosten pro Lied 3 Euro, hinzu kommt eine einmalige Porto- und Versandpauschale von EUR 3,-! Die Stücke sind in heutiger Notation mit Akkorden verfügbar, dazu gibt es Text und meist auch Übersetzung (oft in sangbarer neuhochdeutscher Nachdichtung). In einer Klavierbearbeitung kosten die Stücke 6 Euro pro Lied, im vierstimmigen Satz für Ensemble 10 Euro. Bestellung per Mail. Rechtliche Hinweise zum Rückgabe- und Widerrufsrecht finden sich hier unter Punkt 6 und 7!