"Mein herz in hohen frewden ist"

Das Lochamer Liederbuch in Noten und in Klang

Rezension von Dr. Lothar Jahn

Das Lochamer Liederbuch in der Edition von Marc Lewon ist ein Versuch, dem praktizierenden Musiker eine spielbare Edition an die Hand zu geben, die gleichwohl auf wissenschaftlichem Fundament ruht. Zwei Bände sind bislang im Verlag der Spielleute erschienen, zudem hat Lewon gemeinsam mit dem Bariton Martin Hummel und dem Ensemble Dulce Melos für Naxos eine CD mit 26 Stücken der Sammlung eingespielt. Zunächst ist es erfreulich, dass das vielfältige Material der Liedersammlung aus dem 15. Jahrhundert auf diese Weise einem größeren Kreis von Musikern erschlossen wird. Die Liedersammlung bekam ihren Namen übrigens durch einen der ersten Besitzer, dem Nürnberger Patrizier Wölflin von Lochamer.

Lochamer NotenbuchAuch, wer sich nicht intensiv mit dem Urtext auseinandersetzen will oder kann, hat nun die Möglichkeit, die teilweise schlicht-schönen, dann wieder erstaunlich komplexen Liedbearbeitungen des nicht ganz zurecht als "ersten deutschen Liederbuch" bezeichneten Werkes kennenzulernen. Doch Lewon leistet mehr, als normalerweise üblich ist: Er kommentiert seine Fassungen der Lieder mehr als ausführlich, erläutert jeden Editionsschritt genau, weist auf mögliche Alternativen hin und bietet manchmal selbst mehrere Varianten einer Übertragung in moderne Notenschrift an. Ein Vorgehen, das den Praktiker wie den Musikwissenschaftler gleichermaßen zufriedenstellt. Wobei er sogar die eigene Fehlbarkeit einräumt und im Zweifelsfall immer zu einem Blick auf die Urschrift rät! 

Schon im Vergleich mit dem zeitlich noch recht nahen Oswald-Corpus zeigt sich, wie sehr der Musikgeschmack in den Entstehungstagen der Handschrift einer Wandlung unterzogen war. Oswald und der Mönch von Salzburg sind übrigens neben Gilles Binchois übrigens die einzigen bekannten Komponisten bzw. Dichter, die sich in der Liederhandschrift finden, die Autorenschaft der restlichen Lieder bleibt ungeklärt. Wobei Oswalds "Wach auf, mein hort" seine charakteristische zweite Stimme einbüßte und im Zeitstil neu gesetzt wurde, während beim Mönchen sogar die gesamte Melodie  ersetzt wurde und der Text völlig neu gesetzt wurde. In den Inhalten der Lieder klingen noch die Modelle und Floskeln der höfischen Minne nach, wobei das Ideal der ritterlichen Entsagung endgültig der Vergangenheit angehört und einer drängenden, aber erfüllbaren Sehnsucht Platz gemacht hat. 

cd-coverGleichwohl herrscht ein melancholischer Ton vor, was auch die abwechslungsreich gestaltete Aufnahme bei Naxos klar macht. Martin Hummel artikuliert hervorragend, die mal sehr tongenauen, dann wieder kreativ im Zeitstil weitergedachten Arrangements zeigen einige der ungezählten Möglichkeiten auf, mit dem Material sinnvoll umzugehen, wobei die  Virtuosität, die die Interpreten hier oft an den Tag legen, für den Amateurmusiker unerreichbar bleibt. An einigen Stellen lassen sich Martin Hummel und den Instrumentalisten, die über weite Strecken eher analytisch klar als ergriffen musizieren, dann aber doch von der Emotionalität erfassen, die sich im Kern dieser Liebeslieder versteckt: Zum Weinen schön geriet dem Ensemble das "Mit ganczem willen wünsch ich dir", obwohl die Vorlage bezüglich der Textverteilung so viele Rätsel aufgibt, dass Lewon gleich drei mögliche Fassungen in sein Notenbuch aufnahm. Für die Einspielung wählte er die musikalisch überzeugendste Variante. 

Einen bösen Scherz erlauben sich die Musikanten noch am Ende der CD: Der Schreiber des Lochamer Liederbuches hatte sich ein paar Kommentare am Ende mancher Lieder erlaubt. So endet das traurige Abschiedslied Lied "Ich bin bei ir" mit dem Text: "got gsegen dich, lieb, ich far dohin". Dieser Schluss wurde um dem wenig freundlichen Abschiedsgruß "far anhin an galgen" ergänzt, der die traurige Stimmung des Liedes sarkastisch bricht. Diese Randbemerkung beschließt als Fluch das Album aus einer Zeit, in der Liebensschmerz und Angst ums Überleben ganz dicht bei einander lagen. 

Alles in allem geben die Bücher plus CD auch dem Laien die Möglichkeit, sich mit einem der großen Schätze der Renaissance auseinanderzusetzen.
>> Notenbücher: Verlag der Spielleute, Teil 1 (40 S.), Teil 2 (48 S.), je EUR 8,90; Teil 3 erscheint im Frühjahr 2009
>> CD: Naxos 8.567803, Preis: 9,90 (über Mondschatten)
>> Biografisches zum Bearbeiter.