ZUM 18. MAL MONTALBÂNE IN FREYBURG
Sommersonnenwende im Zeichen
des Minnesangs und mystischer Mittelalterklänge

von Sandra Martini

Freunde der anspruchsvollen deutschsprachigen Lieddichtung des Mittelalters konnten Freitag und Samstag im Rahmen des montalbâne-Festivals ganz auf ihre Kosten kommen. Zum 18. Mal fanden in dem Weinstädtchen Freyburg (Unstrut) und auf der Neuenburg vom 20. bis 22. Juni die Internationalen Tage der mittelalterlichen Musik statt.

Sängerkrieg auf der Wartburg

SängerkriegDen Auftakt gab es am Freitagabend in der Stadtkirche St. Marien mit der Legende vom „Sängerkrieg auf der Wartburg“. Auf 1206 wird das fiktive Ereignis datiert, das hier mit einer Wiederaufnahme der Uraufführung aus dem Jahre 2006 zeigte, wie der musikalische Wettstreit hätte gewesen sein können. Sechs Dichter und Sänger trafen aufeinander, um Landgraf Hermann I. zu preisen. Doch einer fiel aus der Rolle: Heinrich von Ofterdingen. Der huldigte lieber seinem eigenen Herrn, dem österreichischen Herzog Leopold, was ihm um ein Haar den Kopf gekostet hätte. Knud Seckel gab mit Drehleier und Harfe einen ganz prächtigen Heinrich von Ofterdingen, dessen wiederholte Lobhudelei auf die Österreicher einerseits das Publikum amüsierte, andererseits zeigte, wie er das Gespött seiner Mitstreiter auf sich zog und diese sich schnell gegen ihn stellten. In der Rolle des Wolframs von Eschenbach konnten wir Jörg Peukert, Direktor des Museums Schloss Neuenburg, erleben. Mit Auszügen aus den Epen Parzivâl und Willehalm zeigte er sich als ausdrucksstarker Sprecher mittelhochdeutscher Texte, der mit seinen singenden Kollegen durchaus mithalten konnte. Das Publikum wirkte bisweilen etwas verunsichert. Es fand zwar eine Übersetzung des heute nahezu unverständlichen Mittelhochdeutschen, doch blieb gerade dem Laien der Kontext der recht anspruchsvollen Epenauszüge verschlossen. Das fachkundige Publikum hätte, wenn schon keinen Abdruck der mittelhochdeutschen Worte, zumindest eine Quellenangabe zu den Übersetzungen im Programmheft erwarten können, um die Zuverlässigkeit der  Übertragung für sich einordnen zu können. Doch das fiel kaum ins Gewicht, und Verständnisbarrieren konnten durch die darstellerischen Qualitäten meist überwunden werden. Als weitere hochkarätige Künstler an diesem Abend erlebten wir Marc Lewon in der Rolle des tugendhaften Schreibers mit einer wirklich herausragenden Stimme, der selbst zu Laute und Fidel griff; den Mitbegründer des Ensembles Oni Wytars Peter Rabanser, als Laute und Dudelsack spielenden Biterolf; den Sänger des Ensembles loculatores Robert Weinkauf, der den Walther von der Vogelweide gab und Hans Hegner, der als sechster im Bunde mit Drehleier als Reinmar von Zweter auftrat. Den Magier Klingsor, dem Heinrich von Ofterdingen seine Begnadigung zu verdanken hatte, stellte Thos Renneberg dar, der gleichzeitig Regie führte. Auch das Publikum hätte besser kaum sein können, ob Laie oder Musiker, man merkte ihm das Interesse an mittelalterlicher Musik an, was sich in einer aufmerksamen und doch lockeren und aufgeschlossen Atmosphäre widerspiegelte. Eine sehr gelungene Veranstaltung, die schon ahnen ließ auf welchem Niveau sich montalbâne in diesem Jahr präsentieren würde.

Mitternächtlicher „Taugenhort“ mit PER-SONAT

Sabine Lutzenberger, Norbert RodenkirchenWie konnte man den längsten Tag des Jahres passender ausklingen lassen, als beim Mitternachtskonzert, das Mystische Betrachtungen im Mittelalter versprach. Inhalt der Aufführung war der „Taugenhort“, der sich ganz im Stile des Marienleichs Heinrichs von Meißen, besser bekannt als Frauenlob, bewegte. Die Doppelkapelle der Neuenburg bot eine hervorragende Akustik für die geistlichen Gesänge und war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die klare Stimme der Sopranistin Sabine Lutzenberger kam ausgezeichnet zum Tragen. Die Vortragsweise hatte den Charakter einer Psalmodie, und der sakrale Klang erinnerte unweigerlich, wenn auch von einer Frau gesungen, an den gregorianischen Sologesang. Zwischenspiel und Begleitung improvisierte Norbert Rodenkirchen mit mittelalterlichen Traversflöten und einer Harfe. Der melismenreiche Gesang des Leichs war befremdlich und faszinierend zugleich. Mit beinahe sphärischen Klängen zogen PERSONAT den Zuhörer in seinen Bann und überwältigten mit einem Meisterwerk, das zwar kein echter Frauenlob ist, doch auf eben solch kunstvolle und geblümte Weise erschaffen wurde und seine Anerkennung verdient. Besonders beeindruckend war es, die „Noten“ zu sehen, aus denen Sabine Lutzenberger das Konzert vortrug. Sie sang nicht etwa nach transkribierten, heute gängigen Noten, sondern es lag ihr eine Faksimileausgabe mit Neumen vor. Nach ihrer Aussage gehe der Trend wieder zur Verwendung der alten originalen Notenschrift, was Liebhaber „authentischen“ Mittelalterklangs das Herz sicher höher schlagen lässt. Sehr angemessen in Anbetracht der nächtlichen Stunde war die Konzertdauer: Nach 50 Minuten wurden die Zuhörer umfangen von himmlischer Musik in die kürzeste Nacht des Jahres entlassen.

Neidhart und seine Musik

Marc Lewon EnsembleAm Samstagvormittag gab es Informatives und Musikalisches rund um Neidhart. Unter dem Motto "Unerhörtes aus dem Reuental" gab Marc Lewon & Ensemble Leones einen sehr unterhaltsamen Einblick in die Werke eines der beliebtesten Minnesänger des Spätmittelalters und berücksichtigte dabei den Stand der Forschungen zu Neidhart, bei dem auch Irrtümer ausgeräumt wurden, die sich teilweise bis heute hartnäckig halten. So beschäftigte sich ein Kapitel des Vortrags mit dem Thema "Warum Neidhart nicht 'vom Reuental' heißt". Die Informationen wurden sehr gut belegt und anschaulich durch Abbildungen von Handschriften, Liedtexten und Noten gestaltet. Der Schwerpunkt lag auf dem Frankfurter Neidhart-Fragment. Um auch Klangeindrücke des Minnesängers zu geben, band Referent Marc Lewon, der schon beim Sängerkrieg auf der Wartburg überzeugte, musikalische Beiträge ein, in denen er selbst stimmlich sowie als Lauten- und Fidelspieler auftrat. Musikalische Unterstützung lieferte Baptiste Romain, der auch solo einige Instrumentalparts gekonnt auf der Fidel umsetzte. Der Vortrag bot anspruchsvolle Unterhaltung, bei der sowohl Mittelalter-Versierte als auch interessierte Laien voll und ganz auf ihre Kosten kamen. Bei Notenanalysen sang Marc Lewon die entsprechenden Stellen an; voll in seinem Element sprach er von Sextsprüngen, Kirchentonarten und klärte Worte wie „Pseudo-Neidhart“. Es gelang ihm, selbst diese fachimmanenten Themen zu transportieren, auch wenn sie nicht jeder hundertprozentig verstand. Ein durchweg gelungenes Vortragskonzert, das Spaß machte und zugleich umfangreiches Hintergrundwissen lieferte!

Ensemble Frühe Musik AugsburgDie Neidhart-Thematik sollte am Nachmittag ihre musikalische Fortsetzung finden. Das Ensemble für frühe Musik Augsburg brachte auf kurzweilige Art besonders gut die Parodie, die vielen Neidhartliedern innewohnt, zum Ausdruck. Durch theatralisch inszenierten Gesang arbeiteten die drei Musiker die vielen Facetten der Sommer- und Winterlieder Neidharts heraus. Was erst ganz harmlos mit Naturbeschreibungen begann, entwickelte sich einige Verse später zu einer Dichtung,  in der sich vornehme höfische Gesellschaft und Dorfbevölkerung gegenüberstehen. Das Ensemble für frühe Musik Augsburg lieferte ein buntes Programm: "Mir ist von herczen laide" beschreibt erst den Liebesschmerz, der jedoch bald darauf in Ärger über die Angebetete mündet, die die Huldigungen einfach nicht erhören will. In "Maye dein wunnewerde zeit" besangen Hans Ganser und Rainer Herpichböhm die kulinarischen Freuden des Herbstes; ein lebendiges Lied, das Heinz Schwamm durch sein Schalmeispiel bereicherte. Rainer Herpichböhm griff zusätzlich zur Laute, und Hans Ganser unterstützte mit einer kleinen Rahmentrommel den tänzerischen Charakter des Liedes. Besonders humoristischen Charakter verliehen sie dem Stück "Wie schönen wir den anger liegen" sahen, einem Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter. Hans Ganser übernahm die Rolle der „mahnende Mutter“, die er durch Countertenorlage von dem Gegenpart, der „liebeshungrigen Tochter“, dargestellt von Rainer Herpichböhm, abgrenzte. Heinz Schwamm unterstrich die gesangliche und darstellerische Leistung mit seinem Fidelspiel. Die mittelhochdeutschen Texte dürften selbst für das Laienpublikum kaum ein größeres Problem dargestellt haben, da sich Dank der sehr ausdrucksstarken Interpretation die Handlung fast von selbst erklärte. Sogar beim Flötenspiel erbrachte Hans Gansers mit seiner Mimik Höchstleistungen, die das Publikum auf nette Weise amüsierten. Das Konzert lieferte einen kurzweiligen Blick über Neidharts Schaffen. Der aufmerksame Hörer erkannte vielleicht das ein oder andere Lied vom Vortragskonzert wieder und konnte sich daran erfreuen, wie vielfältig ein und dasselbe Lied interpretiert werden kann.

NeuenburgÜber das Programm hinausgehend fand jeder, der Freude an mittelalterlichen Klängen hat, beinahe alles, was das Herz begehrte, angefangen von zahlreichen Tonträgern bis hin zu historischen Instrumenten. Nur wer sich auf die Suche nach Noten begab, ging leider leer aus. Man konnte Kontakte knüpfen und sich mit anderen Musikern und Interessierten austauschen. Liebhaber seichten mittelalterlichen Treibens, denen Gewandung, Metstände und Gauklerei wichtig ist, waren hier eindeutig nicht das Zielpublikum. montalbâne bediente ganz klar nicht die Äußerlichkeiten und Klischees, sondern legte Wert auf die Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Musik. Auf hohem Niveau erreichte es sowohl das fachkundige als auch das interessierte Laien-Publikum. Wir dürfen auf das kommende Jahr gespannt sein.

>> Weitere Informationen gibt es auf der Montalbâne-Website: www.montalbane.de