EIN GUTER JAHRGANG
Montalbâne-Festival zum 19. Mal
von Dr. Lothar Jahn
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Vom
19. bis 21. Juni ging in Freyburg an der Unstrut das Festival
"Montalbâne" über die Bühne. Nun bereits zum 19. Mal wurden Künstler
aus ganz Europa in die Weinstadt unterhalb der gründlich restaurierten
mittelalterlichen Neuenburg eingeladen. |
Das
Festival begann mit unwiderstehlicher Wucht: Das Ensemble „Les
Haulz et les Baz“ um Gesine Bänfer und Ian Harrison erweckte
die Musik der "Alta capella" zu neuem Leben: Ensembles, die im Auftrag
der Städte ähnlich der späteren städtischen
Symphonieorchester öffentliche Repräsentationspflichten zu
erfüllen hatte. Da kam es natürlich auf Lautstärke an,
im Laufe der Zeit aber auch immer mehr auf Verfeinerung und Stil. Die
Gäste aus Freiburg (Breisgau) in Freyburg (Unstrut) musizierten
mit einem sechsköpfigen Ensemble aus zwei Businen-Spielern
(diese endlos langen Trompetenvorfahren bestimmten vor allem den
Sound), zwei weiteren Bläsern, die zwischen Schalmeien, Pommern
und Dudelsäcken wechselten, und zwei Perkussionisten. Gespielt
wurde ein Repertoire, das von Guillaume Dufay über die
altbekannten Stücke der British Library (nie hat man sie so
synkopenreich gehört!) bis hin zum geradezu ekstatischen
„Danse de Cleves“ der Margarethe von Österreich
reichte. Die Arrangements waren sehr abwechslungsreich gehalten,
reichten von archaischen Quintklängen bis hin zur geradezu
symphonischen Stufendynamik. Besonders kunstvoll gelang dabei die
Einbeziehung der Businen mit ihrem arg begrenzten Tonvorrat, die aber
durch Tempo, Dynamik und rhythmische Finesse doch in ein kunstvolles
Ganzes verwoben wurden. Spannend auch die Begegnung der
unterschiedlichen Charaktere des Ensemble-Leiterpaares: Auf der einen
Seite der große Entertainer Ian Harrison, dessen unbändige
Spiellust alle mitriss, ob er nun mit vollen Backen Druck auf
diverse Blasinstrumente gab oder mit launigen Worten die Stücke
erklärte! Auf der anderen Seite der eher lyrische Ton von Gesine
Bänfer, die aber auch voller Begeisterung von der Entstehung der
Stücke berichten kann, und ansonsten mit zarten Verzierungen der
Musik eine individuelle Note hinzufügt. Das Publikum hielt es
jedenfalls kaum noch auf den Sitzen, als zum Abschluss des Konzertes
eine Hommage an
die orientalischen Ursprünge dieser vielschichtigen
Bläser-Musik folgte.
Der zweite Festivaltag begann mit einem
klugen Doppel-Vortrag auf Schloss Neuenburg anlässlich des
„Aufbruchs in die Gotik“, dessen Jubiläum man ja in
Magdeburg angesichts des Domgeburtstags mit einer großen
Landesausstellung begeht. Zunächst führte Jörg
Peukert, Schlossherr der Neuenburg, in die kulturgeschichtliche
Bedeutung des Begriffes „Gotik“ ein und machte klar, dass dieser
in der Renaissance denunziatorisch gemeint war. Schließlich sah
man damals in den Goten die endgültigen Zerstörer der
Antike und des römischen Reiches, auf das angeblich eine
barbarische und kulturlose Zeit folgte. Die Gotik im engeren Sinne
lässt sich architektonisch am ehesten im Spitzbogen festmachen,
der dank seiner Statik die Möglichkeit bietet, „höher,
eleganter, variabler und effizienter“ mit weniger Mauerwerk zu bauen, und damit vor allem
das „göttliche“ Licht als Vorahnung des Paradieses in die
Kirchen zu lassen. Musikalisch lässt sich die Gotik noch weniger
klar fassen als kulturgeschichtlich, das machte Prof. Dr. Stefan
Morent im Anschluss deutlich. Parallelen zur gotischen Kathedrale fand er im
Organum Perotins, das über der unendlich gedehnten Choralmelodie
des Tenors melismatische Figuren setzt, die durch die Oberstimmen
hin- und herwandern und dabei trotz größter Bewegung
ähnlich der Minimal Music Momente meditativer Ruhe schaffen. Wie
das ganze aber genau geklungen hat, darüber gehen die Meinungen
sehr weit auseinander. Morent bot interessante
Interpretationsvergleiche, die von der symphonischen Wucht der
Figgerschen Aufführung in den Zwanziger Jahren bis hin zur
dezent-innigen Umsetzung der „historisch-authentischen“
Aufführungspraxis unserer Tage im kleinen Ensemble reichte. Dazu
war auch noch zu hören, wie sich Eric Satie im 19. Jahrhundert
in liebevoll-schrulliger Rückwärts-Gewandheit die „musique
gotique“ vorgestellt hatte.
Von
der "gotischen" zur "romanischen" Musik: Am Nachmittag widmete sich in
St. Marien das
Ensemble Dialogos französischen und englischen Polyphonien um das
Jahr 1000. Das Publikum erlebte wunderbare Momente spiritueller
Innigkeit, die von äußerster Zurückhaltung in geradezu
klösterlicher Demut geprägt waren. Keine der vier
Interpretinnen versuchte die anderen, wie bei geistlicher Musik ja
leider gar nicht so unüblich, stimmlich zu übertrumpfen.
Statt dessen arbeitete jede voller Hingabe an einem homogenen
Gesamtklang, der die frühe Mehrstimmigkeit ebenso kunstvoll zur
Geltung brachte wie die immer wieder eingefügten einstimmigen
Passagen, bei denen jede Sängerin einmal aus der Gruppe
heraustreten konnte, um dann wieder in der Gruppe aufzugehen.
Schön war auch, wie der Kirchenraum durch wechselnde Positionen
der Sängerinnen erlebt und klanglich entdeckt werden konnte. In
dieser
Musik schien die Zeit völlig stillzustehen, bis zum Ende mit einem
jauchzenden
„Christus natus“ ein frohes Erwachen im Gedanken der
Auferstehung gelang.
Im
krassen Gegensatz zur besinnlichen Atmosphäre des Nachmittags stand das erste
Abendkonzert. Hier widmete sich die graue Eminenz der heutigen
Mittelalter-Musikszene, René Clemencic, mit seinem Consort dem Altmeister Perotin. Statt Demut sollte
wohl Ehrfurcht gelehrt werden: Mit gleich drei großen Cymbalas voll
klingender Glocken wurde die Perotinsche Polyphonie angegangen, bis sie
im endlos langen Nachhall der obertonreichen Instrumente leider kaum noch zu
entdecken war. Das schwebende Meer der Dissonanzen wechselte sich in
konstanter Regelmäßigkeit ab mit gesanglichen
Darbietungen: Die drei Tenöre plus einem
Bariton fanden aber trotz hochkarätiger Besetzung auch nur selten zur Konsonanz. Zudem misslang dem Quartett der
eigentlich schwebende Charakter der durch die Stimmen wandernden melismatischen Figuren wegen einer
rhythmisch sehr schematisch angelegten Transkription. Das ganze glich
daher eher einer akademischen Übung als einer musikalischen
Vorführung, einzig in den Motetus-Passagen gelang es dem
herausragenden Bariton Colin Mason, bekannt von den Kings Singers, der Musik ihre
Seele zurückzugeben.
Mit solchen Problemen hatte das Trio
des Spätabendkonzertes bestimmt nicht zu kämpfen: Schon mit dem
ersten Ton hatten der Sänger Marc Mauillon und seine grandiosen
Begleiter Pierre Hamon (Flöten, Trommeln, Dudelsack) und Viva
Biancalluna Biffi (Fidel) die Herzen der Zuhörer erreicht. Das
Programm war zweigeteilt: Trobadorgesänge vom Lerchenlied bis hin
zur Löwenherz-Klage standen im ersten Teil. Der zweite Teil war
nur einem einzigen Lied, einem Lai von Guillaume de Machaut
vorbehalten. Alle drei haben bereits im Ensemble „Alla
Francesca“ zusammen musiziert, was bei allen improvisatorischen
Freiheiten, die man einander von Zeit zu Zeit gab, deutlich zu
hören war. Mauillon überzeugte restlos durch seine ganz an
Sprache und Inhalt orientierten, hoch emotionalen
Interpretationen der Lieder um den erfolglosen Minne-Dienst. Viva Biffi
hörte dabei sehr genau zu, unterstützte alle Nuancen im
Gesangsvortrag geschickt durch ihr variables, weiches und manchmal kaum
noch hörbares Fidelspiel mit fester Bordungrundlage, um dann im
Zusammenspiel mit dem Virtuosen und Ensemble-Leiter Pierre Hamon wieder
kompliziertes Figuren im federleichten Unisono zu zelebrieren. Der
zweite Teil war eine Wagnis kurz vor Mitternacht: Der
Lai „Loyauté que point ne delay“ bot eine halbe
Stunde lang Wiederholungen der nur leicht variierten selben Melodie. In
der Interpretation des Trios war noch nichts zu spüren vom
Aufkeimen der Renaissance, das man bei Machaut oft schon mithört:
Das Trio verband auf hypnotische Weise die keltische Tradition mit der
Tiefe und Traurigkeit der Trobador-Klänge, die glutvolle
Interpretation Mauillons wagte zudem einen überraschenden
Brückenschlag zum französischen Chanson eines Jacques Brel
oder Gilbert Becaud. Mit großer Intensität begleiteten die
Instrumentalisten den Sänger, wobei das Innehalten,
Sich-Zurücknehmen und ganz langsame Verklingen zum Ende des Lais für einen nachdenklichen Tagesausklang sorgte.
Die
Veranstaltungen waren durchweg gut besucht: Das größte
Gedränge in der Kirche herrschte allerdings
verständlicherweise, als sich eine Institution verabschiedete. Am
Sonntagnachmittag luden die Ioculatores zum Abschiedskonzert. Dazu
wurden alte Mitstreiter noch einmal auf die Bühne geholt: Neben
Jörg Peukert, der als brillanter Rezitator gewohnt souverän
durch das Konzert mit diversen mittelhochdeutschen Literaturfunden
führte, Sänger Robert Weinkauf, der Fidel-Virtuosion Susanne
Ansorg und dem versierten Lautenspieler Kay Krause standen Sabine und
Veit Heller, Alexander Dinter, Michael Metzler (der schon beim
Eröffnungskonzert als Perkussionist geglänzt hatte) und
Raumklang-Labelchef Sebastian Pank mit auf der Bühne. Vor allem
Pank, der mit Schalmeien und Sopransaxophon Farbe und Kraft in die
Arrangements
brachte, hatte großen Spaß. Manchmal verließen die
Ioculatores, die ja lange als DIE ostdeutschen Vertreter der
historisch-authentischen Interpretation galten, sogar die
mittelalterlichen Sphären und führten die alten Melodeyen
für kurze Momente augenzwinkernd auf jazzig-bluesige Abwege.
Starke
Momente gelangen bei der Tanhuserschen Minneparodie „Steter
dienest der ist gut“, einer spritzigen Instrumentalversion des
Machauts Klassikers „Quant je suis“ und beim erstaunlich
tröstlichen Pilger-Todesmarsch „Ad mortem festinamus“
aus dem roten Buch der Mönche von Montserrat. Im gemeinsamen
Gesang sprang der Funke vollends aufs Publikum über. Der nicht
enden wollende Beifall galt
nicht nur dem Konzert, auch nicht nur dem langjährigen Schaffen
der
Ioculatores, sondern mindestens ebenso dem grandiosen Festival,
das ja aus der
Arbeit der Gruppe hervorging und sicher noch eine große Zukunft
hat.
>> Montalbane-Website: www.montalbane.de

Glanzvoller Abschied vor vollem Haus: Ioculatores bei Montalbane!