SANGSPRUCHDICHTUNG
von Dr. Lothar Jahn

Der Spruchgesang ist eine literarische Tradition, die in etwa parallel mit dem Minnesang in Deutschland entstand. Die Inhalte des Spruchgesangs kreisen meist um moralische, theologische  und philosophische Fragen, können aber auch Stellungnahmen zu konkreten tagespolitischen Konflikten zum Inhalt haben.

Spruchgesang und Minnelied sind beide gesungene Lyrik und werden meist im höfischen Kreis vor einem genrekundigen Publikum vorgetragen. Beide Formen dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Repräsentation und der Bildung. In den Inhalten findet die höfische Gesellschaft zu sich selbst und entwickelt verbindliche Wertvorstellungen. Beide Formen erfordern von den Interpreten und Schöpfern (meist in Komponist, Dichter, Sänger und Instrumentalist in einer Person) eine große Kunstfertigkeit.

Es gibt aber auch deutliche Unterscheidungsmerkmale:

1. Die Text-Musik-Bindung ist im Minnesang weit stärker als beim Spruchgesang. Während die Regel beim Minnelied das "novitas"-Prinzip ist - zu jedem Lied gehört EIN bestimmter, unverwechselbarer "Ton" (Versbau und Weise) -, beschränken sich Spruchsänger oft auf wenige Grundmodelle, die zum Vortrag genutzt werden. Das heißt, ein Minnesänger muss als Dichter und Sänger mehr Kreativität an den Tag legen. Ein Spruchdichter ist dagegen als Interpret mehr gefordert, denn es gehört große Kunstfertigkeit dazu, vor einem Publikum mit unterschiedlichen Varianten der selben Form immer wieder neu zu bestehen. Die Differenzierung wird durch Ausdruck, Tempo, Dynamik, aber auch Gestik und Mimik vorgenommen.

2. Die Regel beim (Deutschen) Spruchgesang ist die Einstrophigkeit, beim Minnesang die Mehrstrophigkeit. Manchmal werden in der Überlieferung Strophen mit ähnlichem Inhalt zu einer Themengruppe zusammgefasst (Bsp. "Her-keiser"- und "Her-babest"-Strophen des Ottentones von Walther von der Vogelweide), die oft auch im Zusammenhang aufgeführt worden sein dürfte. Die Regel bleibt aber: Alles, was der Spruchsänger sagen will, muss auf die Länge einer Strophe komprimiert werden.
3. Während das Verfassen von Minnesang eine Lieblings-Nebenbeschäftigung des Hochadels war, bleibt der Spruchgesang fast völlig fahrenden "Berufssängern" überlassen. Nicht von ungefähr ist das Pochen auf die höfische "milte", die das Auskommen dieser Gruppe garantiert, ein Leitmotiv, das sich durch fast die gesamte Spruchgesangs-Überlieferung zieht.

4. Nach einer gemeinsamen Frühphase beider Gattungen vor 1200 und einer Blüte des Minnesängs Anfang des 13. Jahrhunderts geraten die zur Ritual erstarrten Formen der Hohen Minne ab 1220 immer mehr in den Hintergrund und dienen oft nur noch als Stoff für satirische Brechungen. Der Spruchgesang blüht dagegen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts neu auf und bleibt bis weit ins 14. Jahrhundert hinein aktuell.

Beispiel: SO WÊ DIR AREMUOTE
Der jüngere Spervogel (Wende 12./13. Jh.)

 
WEH DIR, ARMUT!
 
Sô wê dir, aremuote!
    dû benimst dem man,
sinne unde witze,
    daz er nicht nekan.
sîne vríunt die tuont des guoten rât,
swenne er des guotes nicht nehât.
sie kêrent im den rucke zuo  
    unde gruozent in vil trâge.
swen der helt mit vullen vert,  
    sô hât er holde mâge.
 
So weh dir , Armut!
    Du bringst einen Mann
Um den Verstand,
    dass nichts gelingen kann.
Ein Freund gibt nichts als guten Rat,
Wenn man vom Gute gar nichts hat.
Bald dreht er dir den Rücken zu
    und grüßt dich g'rad noch träge!
Doch den, der lebt im Überfluss,
    dem bahnt man gern die Wege!
 
(Nhd. Nachdichtung: Lothar Jahn)


Es gibt nur wenige Dichtersänger, die sich in beiden Genres gleichermaßen zuhause fühlen;  die Regel ist die klare Entscheidung für eine der beiden Formen mittelalterlicher Lyrik. Walther von der Vogelweide bestätigt als Ausnahmetalent, das in beiden Bereichen Meisterschaft erlangt, die Regel.

Obwohl viele Spruchsänger unter dem Motto "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" Träger politischer Propaganda mit Auftragsarbeiten der Potentaten waren, in deren Dienst sie jeweils standen, ging ihre Rolle doch darüber hinaus: Ihr dauerndes Grübeln über die Frage, "wie man zer welte solte leben" (Walther, Reichston), machte sie zu Ratgebern und Mahnern, deren Stimme gehört werden sollte. Die Kunst war allerdings, dabei den Bogen nicht zu überspannen, sonst stand das warme Winterquartier ernsthaft in Frage.

Beispiel: ICH SAZ UF EINEM STEINE
Walther von der Vogelweide (ca. 1170 - 1230)

 
REICHSKLAGE
 

Ich saz ûf einem steine
dô dahte ich bein mit beine.
dar ûf satzt ich mîn ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe:
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot.
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolde ich gerne in einen schrîn:
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltlîch êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîge unde wege sint in benomen,
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride unde reht sint sêre wunt –
diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.

 

Ich saß auf einem Felsenstein
und schlug ein Bein über das andre Bein.
Drauf stützte ich den Ellenbogen,
in meine Hand hatt' ich geschmiegt
mein Kinn und meine Wange.
So dachte ich darüber nach,
wie man auf dieser Welt wohl leben sollte –
doch keine Antwort wusste ich darauf,
wie man drei Dinge so erwürbe und beisammenhielt',
dass keines wiederum verloren ginge:
Die ersten zwei sind Ansehen und Besitz,
welche sich oft schon gegenseitig stören,
das dritte ist Gottes Gnade,
von noch viel höherem Wert.
Die wünschte ich, in ein Gefäß zu tun. –
Doch leider, nein, es kann nicht sein,
Besitz und Ansehen vor der Welt
und Gottes Gnade noch dazu,
dass sie in einem Herzen zueinander kommen.
Weg und Steg ist ihnen genommen,
Verrat lauert im Hinterhalt,
Gewalt zieht auf der Straße,
Frieden und Gerechtigkeit sind wund bis auf den Tod –
eh diese beiden nicht wieder gesunden,
haben die drei Dinge keinen Schutz..

 
(Übertragung: Hans Hegner)


Bedauerlicherweise ist unser heutiger Blick auf den mittelalterlichen Sang getrübt durch die Romantik, die im Minnesang einen Vorläufer ihres Liebesideals sah und ihn deshalb weit höher stellte als sein im Mittelalter gleichwertiges Pendant. Der Minnesang ist deshalb vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein weit stärker erforscht, übersetzt, interpretiert und nicht zuletzt auch gesungen worden als der Spruchgesang. Und das, obwohl die musikalische Überlieferungslage bei letzterem viel besser ist: In der Jenaer und der Kolmarer Liederhandschrift, dazu noch in den Büchern des Meistersangs  wurden Melodien des Deutschen Spruchgesangs festgehalten. 

Jenaer Liederhandschrift

Jenaer Liederhandschrift, Anfang 14. Jh.


Die wichtigsten Sangspruchdichter:

um 1200:
Spervogel, der Ältere (Herger, um 1180)
Der junge Spervogel (um 1190)
Friedrich von Hausen
Bligger von Steinach
Walther von der Vogelweide
Gottfried von Straßburg

1. Hälfte 13. Jh.
Neidhart
Freidank
Wernher von Teufen
Der Tanhuser
Reinmar von Zweter
Ulrich von Singenberg
Gruder Wernher
Der Marner
Der Hardegger
Rubin
Der Tugendhafte Schreiber

Mitte 13. Jh.
Der Gast
Friedrich von Sunnenburg
Von Buchein
Reinmar, der Fidler
Reinmar von Brennenberg
Höllenfeuer
Pfeffel
Sigeher

2. Hälfte 13. Jh.
Der wilde Alexander
Boppe
Albrecht von Haigerloch
Der Goldener
Der Guter
Hermann Damen
Konrad von Würzburg
Der Meißner
Rumelant von Sachsen
Rumeland von Schwaben
Süßknd von Trimberg
Der Unverzagte
Zilies von Sayn
Stolle

um 1300 und später
Frauenlob
Johannes Hadlaub
Johann von Ringgenberg
Reinholt von der Lippe
Der Ungelarde
Der Utenheimer
Wizlaw von Rügen
Regenbogen



Beispiel: SUNDEGE LUST IST ALSO SUOZE
Der Meißner (2. Hälfte 13. Jh.)

 
SÜNDIGE LUST
 
Sundege lust ist also suoze,
Daz da keyn mensche lebet ane sunde.
Mir ist ein leit,
                daz ich got irtzuornet han so dicke.
Maria helf, daz ich gebuoze,
Unde daz ich mich tzo gote wider vriunde,
unde dem tiubel wider sage,
            der myr leit manige stricke.
Suone, suone, suonerynne,
Gotes tzorn durch dyne guote.
Lesche, lesche, lescherynne,
Myner sundigen lust gib sulch gemuote.
Helf daz ich dir tzu dienste werde,
Gedenke, daz ich byn ein kranker erde.
Swie vil ich got irtzornet han,
         doch stet tzuo ym myn gerde.
 
Sündige Lust ist allzu süße,
So kann doch kein Mensch ohne Sünde leben
Mir tut es leid,
                                dass ich Gott erzürnet hab so lange.
Maria, hilf, dass ich nun büße,
Um mich auf Gottes Weg zu begeben,
Will dem Teufel widersteh'n,
                        dass er mich nicht mehr fange.
Sonne, Sonne, Sonne, reine,
Lass doch Gottes Zorn vergehen!
Lösche, lösche, lösche, meine
Sünd'ge Lust. Erhör mein Flehen!
Hilf, dass ich Dir zu Diensten werde,
Du weißt, ich bin ein krankes Kind der Erde,
Wenn ich auch Gott erzürnet hab,
     nun füg ich mich zur Herde.
 
(Nhd. Nachdichtung: Lothar Jahn)