DAS TAGELIED

Das Tagelied hat wie der Hohe Minnesang seine Wurzeln in Frankreich, wo es "Alba" genannt wird. Das Lied beschreibt den Moment des "Morgen danach". Eine verbotene Liebesnacht zwischen dem Ritter und seiner Angebeteten hat stattgefunden, jetzt muss er still und heimlich die Stätte der Leidenschaft verlassen. Das Tagelied thematisiert die Erfüllung der Liebe, die ja eigentlich das Ziel aller Wünsche war, meist als Quell neuen Leidens. Denn nach der Befriedigung kommt schon wieder die Trennung, die ausgelebte Leidenschaft ist nur im kurzen Augenblick möglich. Schon drängt die Gesellschaft mit ihren Forderungen und Verboten wieder machtvoll in die Zweisamkeit der beiden Liebenden hinein. Dargestellt wird sie im Tagelied meist durch die Figur des Wächters, der den Anbruch des Tages verkündet. Wizlaw von Rügen bringt in seinem Tagelied eindringlich und in äußerster Nüchternheit die Grundkonstellation der "Alba" auf den Punkt (die ersten vier Zeilen der ersten Strophe sind verloren gegangen, doch auch so ist es ein stimmungsvoller Anfang):

 
 
DER WECKRUF
 

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"Listu in der minne dro;
ich sich den leihten morgen dro:
diu vagelin singent den tak, er ist ho."

Der ritter hort den wehter
er weckte sine brut:
"Liep morgen kom ich rehter
ja bistu lieb, min trut."
Sie want' in ir arme blank,
dem ritter, mit sorgen sie rank:
er trute sie des sagt sie im da dank.

Sich huop dar ein leit scheiden,
da wart weinen so groz;
Er swuor di tiuren eiden:
"ich tuo dich sorgen bloz."
Dennoch weinete dasz wip,
sie sprach zuo z'im: "geselle, nu blip."
er sach: "ich wil ze dir ane hip."

 

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"Wie schön die Nacht der Liebe war,
Doch nun kommt uns der Morgen nah,
Die Vög'lein singen, der Tag ist da."

Der Weckruf klang von Ferne,
Der Ritter sprach zur Braut:
"Du weißt, ich bliebe gerne.
Doch ruft der Wächter laut."
Sie nahm ihn zärtlich in den Arm,
Und spürte, wie die Sorge kam,
Weil ihr der Tag den Liebsten nahm.

So blieb's ein leidvoll Scheiden,
Und manche Träne floss.
Er schwor's mit tausend Eiden:
"Ich komm zurück ins Schloss."
Sie flehte leise: "Bleib bei mir."
Er drehte sich noch um zu ihr
Und sprach: "Bald bin ich ja wieder hier..."

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)


Der Markgraf von Hohenburg brachte die ganze Dramatik der Situation im folgenden Tagelied auf den Punkt. Die Herrin begreift den Wächter als Eiudringling in ihre Welt der Liebe und beschimpft den Störenfried, der Wächter jedoch appelliert an die Vernunft: Bei Entdeckung des Ritters in ihrem Schlafgemach droht ihm nichts weniger als der Tod.

 
 
HERRIN UND WÄCHTER
 

"Ich wache umb eines ritters lîp
und umb dîn êre, schoene wîp:
wecke in, frouwe!
got gebe daz ez uns wol ergê,
daz er erwache und nieman mê:
wecke in, frouwe!
Est an der zît, niht langer bît.
ich bite ouch niht wan dur den willen sîn.
wiltun bewarn, sô heiz in varn:
verslâfet er, sost gar diu schulde dîn.
wecke in, frouwe!"

„Din lîp der müeze unsælic sîn,
wahtaere, und al daz singen dîn!
slâf geselle!
dîn wachen daz wær allez guot:
dîn wecken mir unsanfte tuot.
slâf geselle!
wahtære in hân dir niht getân
wan allez guot, daz mir wirt selten schîn.
du gers des tages dur daz du jages
vil sender fröiden von dem herzen mîn.
slâf geselle!"

"Dîn zorn sî dir vil gar vertragen:
der ritter sol niht hie betagen,
wecke in, frouwe!
Er gab sich ûf die triuwe mîn:
do enpfalch ich in den gnâden dîn.
Wecke in, frouwe!
Vil saelic wîp, sol er den lîp
verliesen, sô sîn wir mit im verlorn.
Ich singe, ich sage, est an dem tage,
nu wecke in, wande in wecket doch mîn horn.
Wecke in, frouwe!"

 

"Ich wachte heut' um meinen Herr'n
Und eure Ehre, tat das gern -
Weckt ihn doch, Herrin!
Gott schütze ihn nach dieser Nacht,
Daß er und niemand sonst erwacht -
Weckt ihn doch, Herrin!
Es ist soweit, wird höchste Zeit.
Ich bitte euch jetzt: Macht schnell! Es muß doch sein!
Verschläft er nun, kann ich nichts tun.
Und ihr tragt die Schuld. Ja ihr, nur ihr ganz allein -
Weckt ihn doch, Herrin!"

"Du sollst verflucht auf ewig sein,
Wächter, was dringst du bei uns ein -
Schlafe, Geliebter!
Dein Wachen war ja schön und gut.
Wie weh mir jetzt dein Wecken tut,
Schlafe, Geliebter!
Wächter, sei still, weil ich nicht will,
Daß diese herrliche Nacht so schnell verfliegt.
Du bringst den Tag, dann fühlst du dich stark,
Weil dann das Licht unser inniges Glück besiegt -
Schlafe, Geliebter!"

"Ach ich verzeih' euch jedes Wort,
Ihr wißt doch selbst, er muß jetzt fort -
Weckt ihn doch, Herrin!
Er war doch hier die ganze Nacht
Und ich habe Euer Glück bewacht -
Weckt ihn doch, Herrin!
Ihr kluge Frau, Ihr wißt genau,
Wenn sie ihn finden, dann sind wir alle tot.
Ich sing', ich sag: Gleich kommt der Tag.
Ihr liebt ihn doch, also schützt ihn vor dem, was ihm droht -
Weckt ihn doch, Herrin!"

 
(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

Tagelieder finden sich in größerer Anzahl bei Wolfram von Eschenbach, Ulrich von Winterstetten und auch bei Oswald von Wolkenstein, der im 15. Jahrhundert noch einmal die Tradition des Minnesangs aufleben ließ. Aber auch Walther und Reinmar haben Tagelieder geschrieben. Der Tenor des Tageliedes ist nur selten positiv. Meist führt die sexuelle Erfüllung einer verbotenen Liebe zu noch schlimmeren Sehnsuchtsqualen, als sie der Minnediener ohnehin schon auszustehen hat. Zur Sehnsucht kommt die Reue, den eigenen Werten und den Normen der Gesellschaft untreu geworden zu sein. Da eine solche Beziehung kaum offen ausgelebt werden durfte, blieb nur die Erinnerung an einen heftigen Moment sexueller Erfüllung, deren Folgen Angst, ein noch befangenerer Umgang der Beteiligten miteinander oder eine Trennung waren. Diese Erfahrungen und Gefühle werden in denTageliedern je nach moralischem Anspruch des Dichters in all ihren Facetten, aber auch in großer Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit dargestellt.