von Dr. Lothar Jahn
Zum dritten Mal wurde auf der Wartburg die alte Tradition des Mittelalters wiederbelebt: Am 8. und 9. September lud Landgraf Hermann 1. Sänger, Spielleute und Gaukler auf die Wartburg, um im Beisein seiner liebreizenden Nichte Elisabeth von Thüringen, ein rauschendes Fest zu im Stile des historischen Sängerkrieges zu begehen: "geteiltez spil 2005" war der Name der Veranstaltung.
Historien-Spektakel
im grandiosen Ambiente (Foto:
Eisenach Online)
Die in großer Zahl erschienenen Zuschauer wurden ins Jahr 1215 versetzt: Nach langem Streit um die deutsche Krone hatte Friedrich II die Macht nun sicher in den Händen - auch dank der Hilfe des politisch gewitzten Thüringer Herren, der aus dem Lager seines Rivalen Otto zu ihm übergelaufen war. Nun revanchierte sich Friedrich mit einer Urkunde, die die Macht von Hermann über Thüringen bestätigte. Aus diesem Grunde lud der als Mäzen geschätzte Landgraf erneut die Sangeskünstler an seinen Hof. Dies hat durchaus reale historische Bezüge: Hermann war als Mäzen bekannt und hatte unter anderem Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide unterstützt.
Von beiden Meistern war auch an diesem Abend viel zu hören. Dem Besten der Besten hatte Landgraf Hermann - respekteinflößend verkörpert von Jan Seidel - nämlich ein Lehen in Aussicht gestellt, und so strengten sich die Herren redlich an, dem Thüringer zu Gefallen zu sein. Jeder wollte den anderen übertrumpfen - Heldenepen, Lieder des Hohen Sanges, aber auch Minnelied- Parodien aus der spitzen Feder von Neidhart von Reuental waren zu hören.
Höhepunkte waren das tieftraurige "Jamer ist mir entsprungen", eine Totenklage von Wolfram von Eschenbach, die Karsten Wolfewitz in inniger Zurückhaltung darbot, und das Klagelied des gefangenen Richard Löwenherz, das Marc Lewon mit zarter Stimme schlüssig zur Entfaltung brachte. Der tiefe Ernst solcher Lieder wurde wirkungsvoll aufgebrochen durch das Gezänk der Sänger untereinander und humoristische Einlagen. Köstlich war zum Beispiel der Auftritt Hans Hegners als "Fundevogel": Was wie ein zartes Maienlied begann, verwandelte sich in eine Schilderung dörflichen Treibens, bei dem Bösewichter mit Namen wie Rumpold, Lumpold und Krumpold ein Tanzfest in ein Schlachtfeld verwandeln, dem der Minnesänger Neidhart nur durch die Flucht in ein Fass entkommt. Noch drastischer beschrieb der brillante Rezitator Jörg Peukert, wie ein vorwitziger Koch dem prächtigen Helden Rennewart den Bart versengte, was er aber teuer bezahlen musste: Der erboste Rennewart warf den Übeltäter kurzerhand in seinen Kessel, wo er gut durchgebraten wurde.
Für Erheiterung sorgte ein von den anderen Sängern nur murrend geduldeter Gast aus der Lombardei: Peter Rabanser verkörperte überzeugend den temperamentvollen Sänger Pierino, der sich mit welschem Kauderwelsch zu verständigen versuchte, aber seine mediterranen Lieder mit herrlicher Tenorstimme im zartesten Schmelz vortrug: Da schmolzen die Frauenherzen dahin! Das harte Herz des Thüringer Fürsten eroberte indes ein anderer: Anselm an der Anselalm (Robert Weinkauf). Er setzte ganz auf Walther von der Vogelweides Altersklagen über die Verkommenheit der Welt, auf seine Preisung ritterlicher Werte und seine Aufforderung zum Dienst unter dem Kreuze. Dieser Ton war so ganz nach dem Geschmack des alten Kämpen, so dass Anselm mit dem ersehnten Lehen von dannen ziehen durfte. Die anderen Sänger wurden mit Geschenken abgefunden, so dass der gelungene Abend mit einem Lob der Freigiebigkeit endete.
Bereichert wurde die Veranstaltung durch die kurzen Marionettenspiel-Einlagen von Spielmann Adelmann und Elisabeth und durch die wunderbare Jonglage des Magiers Kelvin Kalvus, der mit seinen Glaskugeln alle in seinen Bann zog.
Insgesamt eine hervorragende Veranstaltung, die sich wohltuend von manch albernem Mittelalter-Spektakel absetzte! Karsten Wolfewicz und Thomas Wagner, die die Veranstaltung konzipierten und leiteten, gilt deshalb höchstes Lob. Es ist schade, dass die Wartburg sich nicht viel öfter ihrer eigenen Wurzeln besinnt.
> Die Vorankündigung mit Hintergrundinformationen zur Veranstaltung
findet sich hier.
> Ein Rückbericht zur Veranstaltung 2003 findet sich hier.
> Die mittelalterlichen Originaltexte zum Sängerwettstreit
und Übersetzungen von Karl Simrock finden sich hier.