ELISABETH: Rigorosität und Menschlichkeit
Dr. Lothar Jahn im Interview mit Susanne Ansorg und Jörg Peukert (Ioculatores)

Im Jahr 1998 zeigte das Alte-Musik-Ensemble Ioculatores aus Leipzig erstmals sein Programm "Vita St. Elisabethae". Zum 800. Elisabethgeburtstag gibt es eine Neuauflage der Produktion, dazu hat man sich hochkarätige Begleiter geholt: Neben den Ioculatores wirken dann auch die Ensembles  Ars Choralis Coeln und Amarcord mit.  Die Premiere findet zum Festival Montalbâne im Juni statt, zum Elisabethgeburtstag am 7.7. gastiert man auf der Wartburg.

Beschreiben Sie das Besondere Ihrer Produktion!
Ioculatores - Jörg PeukertJörg Peukert: Das mit der Neuenburg, einem der historischen Lebensorte der Heiligen Elisabeth, gerade über das Festival „montalbâne“ schon länger verbundene Leipziger Ensemble Ioculatores beschäftigte sich bereits 1998 in einem Programm „Vita St. Elisabethae“ mit der heilig gesprochenen Landgräfin. Anliegen war es, auf der Basis eines anonymen deutschsprachigen Legendenromans „Das Leben der Heiligen Elisabeth“ aus dem frühen 14. Jahrhundert eine unglaubliche, ja nach unseren Maßstäben in Teilen auch unverständliche, Biografie sowie die Verehrung der historischen Persönlichkeit literarisch-musikalisch nachzuvollziehen. Dies sicher auch mit Bezügen/Fragestellungen zur Wertethematik in unserer aktuellen Welt. Das musikalische Material ist vorrangig der spätmittelalterlichen aber letztlich in der Auswahl auch der heutigen Perspektive verpflichtet: das Spektrum reicht hier von der hochmittelalterlichen weltlichen Musik und Dichtung, die im Umfeld des Landgrafenhofes im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts erklungen sein mag, bis zur spätmittelalterlichen Überlieferung von Werken, die zur Verehrung der Heiligen entstanden sind. Somit entsteht ein musikalisch hochinteressanter Kontrast zwischen früherer und späterer, zwischen weltlicher und geistlicher Musik. Dieses „Programmschema“ stellt auch die Basis für die jetzt modifizierte Koproduktion der Ensembles Ioculatores, Ars Choralis Coeln und Amarcord dar. Um es hier schon vorwegzunehmen: Das ist einzigartig und kommt vermutlich so schnell auch nicht wieder! An die 20 Künstler – Instrumentalensemble, Solisten, Frauen- und Männerschola – werden dem schon beschriebenen Facettenreichtum des Programms  zusätzlich Klangfülle und Qualität verleihen. Schon aus diesem Grunde sollte man auch die CD erwerben! Daneben mag es für ein modernes Publikum hoffentlich reizvoll sein, sich über die historische Form der Vermittlung (Vortrag/Legendenroman) im Zusammenspiel mit der vielschichtigen und beeindruckenden musikalischen Überlieferung einer historischen Person anzunähern. Im Ergebnis sind – ohne illusionär sein zu wollen - eigene, gesellschaftlich relevante persönliche Fragestellungen durchaus erwünscht.

Natürlich spielt die Musik in Ihrer Produktion die tragende Rolle! Was für Musik wird erklingen?
Susanne AnsorgSusanne Ansorg: Die mittelalterlichen musikalischen Quellen, die mit der Heiligen Elisabeth in Verbindung gebracht werden können, sind über ganz Europa verteilt. Es gibt u.a. eine Messe, vier Offizien, eine Motette, einige Hymnen und Sequenzen und eine Ballade. Aus dieser weitgestreuten Überlieferung setzt sich das Grundgerüst des Programmes zusammen. Und um den erstaunlichen Weg Elisabeths von der ungarischen Prinzessin über die Thüringer Fürstin zur Fürsprecherin für die Armen und Kranken und letztendlich zur Heiligen zu illustrieren, haben wir in die Heiligenlegende assoziativ Auszüge aus Epen, Estampien, Minnelieder, ungarische traditionelle Tänze und Prozessionsgesänge für den Heiligen Franziskus eingefügt.

Was reizt Sie an der Person Elisabeth von Thüringens?
Jörg Peukert: Ihre Rigorosität, ihre Menschlichkeit, ihre Nachwirkung, ihre Motivation zum Handeln sowie die Frage nach der Rolle von aus der Gesellschaft „aussteigenden“ Menschen sowie der Umgang und das Verständnis, die Reaktionen der Gesellschaft darauf, in allen Zeiten.

Auf welchen literarischen Quellen fußt die Produktion?
Jörg Peukert: Da ist zunächst der schon angesprochenen Legendenroman „Das Leben der hl. Elisabeth“ aus dem frühen 14. Jahrhundert, der seinerseits auf der berühmten „Vita S. Elisabethae“ (1297) des Erfurter Dominikaners Dietrich von Apolda fußt. Neben privater Lektüre, Meditationshilfe etc. waren diese Texte vor allem Vortragsdichtung. Man las am Festtag der/des Heiligen zu Gottesdiensten, zu den Mahlzeiten in den Klöstern, zu möglicherweise auch anderen Anlässen einem gleichermaßen geistlich wie weltlich zu denkenden Publikum daraus vor, um die beschriebene Person als zu erhöhendes und vorbildhaftes Beispiel darzustellen. Insofern ist die Form der Aufführung als durchaus authentisch zu bezeichnen. Natürlich weiß man nicht, welche Passagen aus dem über 10.000 Verse umfassenden Werk in welcher Zusammenstellung wann, wie und wo vorgetragen wurden. Eine geschlossene „Gesamtdarbietung“ ist wohl auszuschließen. Unsere Auswahl ist dem Anspruch verpflichtet, an prägnanten Ereignissen das Leben Elisabeths im Überblick zu vermitteln.

Halten Sie Elisabeth eher für eine schwache oder eher für eine starke Frau?
Jörg Peukert: Die Frage ist wahrscheinlich gar nicht so sehr an der Geschlechterspezifik festzumachen; vielleicht hieße es besser: … für eine starke oder schwache Persönlichkeit?! Das wiederum impliziert die Frage nach subjektiven Lebensentscheidungen in konkreten Situationen sowie deren Wirkung nach innen und außen und das bei einer Heiligen auch noch in den unterschiedlichen Zeiten, in den verschiedenen Wahrnehmungen. Und was ist stark, was ist schwach? Hielt sich Elisabeth selbst für stark? Oft hat sie an sich gezweifelt, sich gefragt, ob sie stark genug für die Aufgaben war, die sie sich selbst gestellt hatte. Schwach hielt sie sich wohl in Glaubensfragen: immer wieder die Selbstzweifel, die Reue, die Sühne auf ihrem selbst gewählten Weg in der Nachfolge Christi. Immer wieder die Angst, den eigenen hohen religiösen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Stark war sie sicher in ihrer Rigorosität, in ihrer konsequenten Hingabe und ihrem auch aus unserem heutigen Verständnis heraus atemberaubendem Weg von höchster gesellschaftlicher Stellung in die bitterste Armut, der aber auch vor dem Hintergrund der religiösen Bewegungen ihrer Zeit gesehen werden muss und auch nur vor diesem zu verstehen ist. Ein Großteil ihrer hochadligen Standesgenossen wird sich die Frage „Stark oder Schwach?“ gar nicht gestellt haben, für sie war Elisabeth schlicht und ergreifend verrückt, eine Aussteigerin, deren Handeln vor allem den Zwang zur „Schadensbegrenzung“ hervorrief. Stark war sie bestimmt für die Menschen, denen sie als Landgräfin und ebenso später in ihrem Marburger Hospital half. Schwach dagegen wirkt sie, wenn sie nach dem Weggang von der Wartburg in Eisenach von einer Bettlerin, der sie früher geholfen hatte, in den Straßenkot gestoßen wird. Eine Begebenheit, die Elisabeth aber stärkte (!): in der Imitatio Christi war es ihr Bedürfnis, Bestätigung, wie dieser Hohn, Spott und Demütigung zu erdulden. Können wir das nachvollziehen, verstehen oder gar bewerten? Wie sähe es etwa bei diesem Sachverhalt aus: Ebenfalls nach dem Weggang von der Wartburg entsagt sie als Mutter ihrer eigenen Kinder und wird dann in Marburg doch die „Mutter aller“, liebevolle Bezugsperson v. a. für die Waisenkinder?!! Ist das stark oder schwach?
„Ich will die Menschen froh machen.“ – so lautet ein gerade in diesem Jahr viel zitierter, Elisabeth zugeschriebener Ausspruch. Das ist nun im Sinn des positiven Anregens zum eigenen Handeln wirklich „stark“! Eine wünschenswerte Nachwirkung ihres Lebens wäre es, wenn sich Menschen zunehmend nach Werten und ihrer eigenen Position dazu fragen würden: Was meint, was bedeutet Nächstenliebe, was Demut, was Liebe, was Menschlichkeit, was Barmherzigkeit in einer von zunehmender Kälte geprägten und in vielen Teilen säkularisierten Welt?!
In diesem Sinn ist zu wünschen, dass Elisabeth nicht vor allem eine starke Frau war, sondern dass sie es ist!

Wie erklären Sie sich die Faszination, die Konrad von Marburg auf Elisabeth ausgeübt hat?
Jörg Peukert: Eine oft gestellte, viel diskutierte und mit zahlreichen Interpretationen beantwortete Frage. Die Beantwortung sollte aber v. a. von Sachlichkeit geprägt sein: 1226 wurde Konrad von Marburg mit Zustimmung Landgraf Ludwigs IV. der Beichtvater Elisabeths. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die junge Landgräfin bereits deutlich für ein stark, vielleicht sogar extrem zu nennendes, religiös geprägtes Leben entschieden. Ein solcher Entschluss bedurfte – auch bei der hohen gesellschaftlichen Stellung Elisabeths – eines entsprechenden Partners gerade in der Seelenführung. Der wahrscheinlich aus einer Familie der gehobenen Marburger Dienstmannschaft stammende Konrad von Marburg gehörte zu einer kleinen Gruppe hoch gebildeter und angesehener Geistlicher, die als anerkannte Kreuzzugsprediger und Inquisitoren mit den entsprechenden Aufgaben betraut waren. Somit befand er sich nicht nur im unmittelbaren räumlichen Umfeld der landgräflichen Familie, sondern verfügte ebenso über die entsprechende Autorität in geistlichen Dingen. Das Verhältnis von Elisabeth zu ihrem Beichtvater ist wohl am ehesten über die Verpflichtung zum Gehorsam zu erklären: ähnlich wie eine Nonne oder ein Mönch sich dazu per Gelübde gegenüber Äbtissin/Abt verpflichtet, tat dies Elisabeth gegenüber Konrad von Marburg. Damit verbunden war die Akzeptanz der Autorität, agierte der Beichtvater doch nun quasi in der Stellvertretung Gottes als Seelenführer zu einem gotterfüllten Leben. Nur in diesem Zusammenhang erklären sich auch die Auflagen, Gebote, Einschränkungen und Bußübungen die Elisabeth auferlegt oder an ihr – wie z. B. die körperliche Geißelung – vollzogen worden und denen sie sich auch stellte. Ob gerade bei letzteren außergewöhnlich brutal vorgegangen wurde, ist nach unserem Kenntnisstand kaum zu bewerten. Im 19. und 20. Jahrhundert interpretierte man vor diesem Hintergrund eher „Schwarz-Weiß“: der „guten und liebevollen“ Elisabeth stand der „böse und grausame“ Konrad gegenüber. Das wird dem historischen Kontext aber keinesfalls gerecht. Fakt ist, dass solche Bußübungen seit der Spätantike anerkannte Praxis waren. Insofern sind sie in ihrer Intensität möglicherweise nicht selbstverständlich gewesen, aber sie waren keineswegs unnormal.
Die Faszination, die Konrad von Marburg auf Elisabeth ausübte, bestand wohl vor allem in der Überzeugung ihrerseits, dass nur eine solch konsequent handelnde Person auch geeignet war, sie auf ihrem besonderen Weg geistlich sicher zu geleiten.

Welche Auftrittstermine stehen bereits fest?
Susanne Ansorg: Zum ersten Mal werden wir die erweiterte Fassung am 24. Juni 2007 vorstellen - und zwar um 15 Uhr beim Festival "Montalbâne" in Freyburg/Unstrut. Die Aufführung ist in der wunderbaren Stadtkirche St. Marien. Zum Elisabethgeburtstag spielen wir beim Eröffnungskonzert der Thüringischen Landesausstellung zu Elisabeth im Palas der Wartburg.

Bleibt noch die lang angekündigte CD, auf die viele sehr gespannt sind. Wann wird die zu haben sein?
Susanne Ansorg: Sie soll im Juni erscheinen - und zwar wieder bei "Raumklang".

Wir sind höchst gespannt. Viel Erfolg bei Ihrem beachtlichen Vorhaben!


CD-Rezension von Dr. Lothar Jahn

Ioculatores-CD "Elisabeth"IOCULATORES, ARS CHORALIS COELN, AMARCORD:
Vita S. Elisabethae

Vor allem Hessen und Thüringen feiern in diesem Jahr ausgiebig den 800. Geburtstag der Heiligen Elisabeth. Was bisher noch fehlte, war die CD mit der richtigen Musik zum Fest! Nun legt Raumklang die angemessen edle Edition vor - in einer schönen Schatulle mit einem 60-seitigen (!) Booklet inklusive aller Liedtexte, herrlicher Bilder und kluger Erläuterungen. Dazu gibt es fast 80 Minuten Musik. Kreative Köpfe des Unternehmens sind die Leipziger Ioculatores, die sich schon 1998 Elisabeth zuwandten. Ihr damaliges Programm, dessen roten Faden ein anonymer Legendenroman vom Anfang des 14. Jahrhunderts bildet, wurde durch Beiträge einer weiblichen und einer männlichen Schola erweitert: Ars Choralis Coeln und Amarcord zelebrieren beide höchste Sangeskunst, die nicht effektvoll auftrumpft, sondern in demütiger Zurückhaltung ihre spröde Schönheit entfaltet. Die Texte aus dem volkstümlichen Roman werden von Jörg Peukert auf pointierte Weise rezitiert, dazu gibt es die stets passend ausgewählte Musik. Quellen sind diverse geistliche Werke um die vielgepriesen Heilige, so z.B. die Elisabeth-Offizien "Gaudeat Hungaria" und "Letare Germania", die Elisabeth-Sequenz des Mönchen von Salzburg und ein Elisabeth-Hymnus aus Aquilea. Ergänzt wird das ganze mit einner Prise Carmina Burana einem Hauch ungarischer Folklore und einer Messerspitze Minnesang und Spielmannskunst. Zur Preisung des Mäzens (und gewieften Machtpolitikers) Landgraf Hermann ertönt ein Preislied Wolfram von Eschenbachs im wunderbaren Titurel-Ton, der von Robert Weinkauf grazil und feinsinnig zelebriert wird. Walthers Palästinalied, das später den endgültigen Abschied Ludwigs von seiner geliebten Elisabeth markiert, kommt im Gegensatz dazu in einer unruhigen, rhythmisch bewegten Version daher, die gar nicht zur angeblichen Größe und Erhabenheit der Kreuzfahrer-Mission passen will. Über fast 80 Minuten entfaltet sich ein Spannungsbogen, der der Chronologie der Ereignisse von Ungarn über die Wartburg bis nach Marburg folgt, um schließlich im überirdischen Mönchsgesang mit dem Wort "Elisabeth" zu verklingen. Alles in allem genau das fehlende i-Tüpfelchen auf die kulturellen Aktivitäten zum Elisabethjahr! (lj)

> Aufführungen des Zyklus mit Ioculatores, Amarcord und Ars Choralis Coeln gibt es am 24. Juni 2007, 15 Uhr, Stadtkirche St. Marien Freyburg/Unstrut, beim Festival "montalbâne", und am 7. Juli 2007, 19 Uhr, Festsaal im Palas der Wartburg als Eröffnungskonzert der Thüringischen Landesausstellung "Elisabeth von Thüringen - eine europäische Heilige" (DLR Kultur)
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