MARCUS VAN LANGEN
Der Publikums-Sieger

Beim Minnesänger-Wettstreit 2005 auf Burg Falkenstein eroberte Marcus van Langen zwar nicht das Herz der Burgvogtin - das gewann sein Kollege Frank S. Wunderlich mit zarten Tönen -, dafür aber das Herz des Publikums.  Mit zupackenden Liedern, viel Rhythmus und unwiderstehlichem Charme gelang es ihm, bei der Publikumsabstimmung Sieger zu werden. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir ein Interview, das Dr. Lothar Jahn von "www.minnesang.com" mit Marcus van Langen im Juli 2005 führte.

Der Juni war ein guter Monat für dich - erst der Publikumspreis beim Minnesängerwettstreit auf Burg Falkenstein, dann die schöne CD-Releaseparty von "Zeychen der Zeyt". Überhaupt scheinst du ja im kreativen Höhenflug zu sein - hast im ersten Halbjahr schon zwei hervorragende Alben vorgelegt. Was ist los?
Ja, es ist tatsächlich eine sehr kreative Phase, die natürlich auch immer aus einer Notwendigkeit entsteht, vor allem, wenn man wie ich mit dem Rücken zur Wand steht. Ich habe nahezu zwei Jahre lang Material gesammelt und schließlich ja die Trennung zwischen Mittelaltermusik und Mittelalter-Gothrock vollzogen, und da war es natürlich notwendig, auch zwei Alben zu produzieren. Des Teufels Lockvögel steht für Mittelaltermystik pur und van Langen für sündig brachialen Mittelalter-Gothrock.

Schauen wir erstmal auf Falkenstein: Wie findest du die Idee, dort auf der Burg einen Minnesängerwettstreit durchzuführen? Wie war das Zusammentreffen mit den anderen Sängern? Habt Ihr Euch misstrauisch beäugt?
Das Ambiente von Burg Falkenstein ist natürlich hervorragend und man braucht auch nicht besonders viel Phantasie, um sich diese Burg als Schauplatz für einen "Sängerkrieg" vorzustellen. Ich kannte die anderen bisher nur vom Hörensagen und hätte die meisten wohl auch gar nicht erkannt. Knud Seckel und Frank Wunderlich wollte ich ja schon lange mal kennenlernen. Mit Knud habe ich ja auch das Zimmer geteilt und mich lange über das Thema Minne ausgetauscht.  Er hält mich für den "Enfant terrible" der Minnesänger und irgendwie bin ich das ja auch - das hat der Wettstreit ja gezeigt.

Wie bist du mit den Spielleuten klargekommen - es gab ja nur wenig Probezeit. War das schwierig?
Klar war die Zeit zum Proben sehr kurz, aber das ist ja meistens so, vor allem bei so einem großen Projekt. Es sind durch die "Sänger"-Bank sehr ambitionierte Musiker und ein jeder hat eine eigene Persönlichkeit, die er ja auch in den Ablauf des Wettstreits eingebracht hat, dadurch waren die wenigen Proben sehr konstruktiv. Vor allem Knud und Frank sind natürlich auch echte Profis.

Was hältst du von der Entscheidung der Burgvogtin, Frank Wunderlich zum Sieger zu küren?
Ich denke, es war auch für sie eine sehr schwierige Entscheidung, schließlich ist jeder Sänger auf seine eigene Art große Klasse, es ist wohl eine reine Geschmacksfrage, das hat ja auch die Entscheidung des Publikums gezeigt.

Meinst du, der Sängerwettstreit sollte zu einer Institution werden?
Es ist sehr schwierig, eine derartig große Geschichte, die ja eine einzigartige Sache ist, zu einer Institution werden zu lassen, es müssen schließlich immer neue Sänger her, die Gewinner können kaum zweimal auftreten. Ich denke dieser Wettstreit ist nicht zu toppen, man könnte allerdings ein klasse Theaterstück daraus machen, das sicher sehr gut ankommt. Ich denke da an ETA Hoffmanns "Der Kampf der Sänger"  ( Johann Christian Wagenseil 1680) , das mir ja auch sehr bei meinen eigenen Vorbereitungen geholfen hat. Die Rolle des Meister Klingsohr würde ich dabei jederzeit übernehmen - passt ja wie die Faust aufs Auge!

Dein aktuelles Album scheint ein großer Wurf zu sein, da sind sich fast alle einig. Woran liegt's?
Von unwiderstehlichem Drang getrieben, fing ich an Lieder aufzuschreiben. Ganz in der Art meines unheimlichen Meisters - und es war, als habe ich statt der Lieder die schauerlichen Zauberformeln aufgeschrieben, derem Bann die finstere Macht gehorchen müsse.

Wie habt Ihr im Studio gearbeitet: Habt Ihr die ja sehr ausgefeilten Arrangements gemeinsam entwickelt oder hast du klare Vorgaben gemacht? Gab es einen Produzenten?
Der Vorteil war, im eigenen Studio produzieren zu können, damit hatten wir eine sehr gute Arbeitsatmosphäre. Ich habe aber auch eine klare deadline gesetzt, denn es gibt nicht schlimmeres, als ewig und drei Tage an einem Album zu basteln, dann wird es verkünstelt und der eigentliche Geist der Lieder geht verloren. Wir haben also zügig, aber ohne Druck gearbeitet, so wie ich es schon immer machen wollte. Die Arrangements machen wir gemeinsam, wobei ich schon klare Vorgaben gebe und den Rahmen abstecke. Vor allem die letztendliche Entscheidung  behalte ich mir als Produzent vor.

Was auffällt: Du hast andere Götter neben Dir geduldet. Das heißt: die beteiligten Musiker konnten Ihre Stärken voll ausspielen. Vor allem Sabine Stelzer brilliert ja nicht nur an Flöten und Schalmeien, sondern bekommt als Sängerin ja genauso viel Raum wie du. Trittst du auch gerne mal in die zweite Reihe und genießt es, wenn andere sich zeigen?
"Zeychen der Zeyt" ist neben "carmina mystica" das einzige Album, das ich nicht mit Studiomusikern eingespielt habe, sondern mit einer festen Band. Und wenn es auch ab und zu schwierig ist, so ist es doch bei derartigen Top-Musikern, aus denen die Band besteht, eine wahre Bereicherung. Jeder ist an seinem Instrument ein Meister und kann sich trotzdem zurücknehmen, das ist es, was wahre Klasse ausmacht. Ich bin kein Diktator und auch kein Profilneurotiker, wenn die Musiker gut sind, dann ist natürlich Raum für jeden Einzelnen, um sich nicht nur einbringen zu können, sondern sich auch selbst zu verwirklichen. Dadurch entwickelt sich eine sehr eigenen Dynamik. Es ist mein Traum, den ich mit anderen teile, und dadurch entsteht eine neue Realität.

Die Duette mit Sabine deuten darauf hin, das ihr geradezu perfekt harmoniert. Ist das auch im echten Leben so?
Sabine und ich kennen uns ja schon seit der Schulzeit und wir kennen uns dadurch sehr gut, jeder kennt die Schwächen und Stärken des anderen und geht darauf ein, dadurch entsteht die Harmonie. Und wir dürfen nicht vergessen, dass das, was wir mit "Zeychen der Zeyt" und "carmina mystica" präsentieren, unser echtes Leben ist.

Was auffällt, ist, dass ihr jedem Lied ein ganz eigenes Gesicht gegeben habt. Andere Bands machen es sich ja wesentlich einfacher und knüppeln alles im selben Stil durch. Wolltet Ihr zeigen, dass es auch anders geht?
Man darf nicht vergessen, dass - auch wenn es sich um ein Konzept Album handelt - jedes Lied eine eigene in sich abgeschlossenen Geschichte bietet, die auch einzeln und für sich alleine behandelt werden muss. Wir wollen dabei nicht präsentieren, wie vielseitig wir sind oder wie viele Instrumente wir beherrschen,  wir geben jedem Lied das Gesicht, das es verdient - so wie wir alle mit fünfzig das Gesicht haben werden, das wir verdienen.

Wie kam es zu der Version von "Unter der Linde". Du hast ja in Walthers Lied das "Tandaradei" durch das "Maledicantur tilie" aus der bösen Parodie vom Lindenlied in den Carmina Burana ersetzt. In dem Carmina-Lied werden ja die Linden verflucht, der Ritter wird anders als bei Walther nicht als zärtlich, sondern als plump zudringlich beschrieben. Also war's doch nicht so schön unter der Linde?
Oh doch, unter der Linde ist es am schönsten, ich habe meinen ersten Kuss auch unter einer alten Linde empfangen und im Garten habe ich sieben Stück stehen, auch wenn es noch etwas dauern wird, bis man sich darunter küssen kann. Die Idee, das "Tandaradei" zu ersetzen, kam von Sabine, sie hat es nicht so mit den "Lalalas" und "Deiedeiedeis", und da ich den Text vom Lindenlied sowieso mit einbauen wollte, ist so etwas ganz neues entstanden. Mich hat ja immer aufgeregt, dass sich der Ritter- oder Jäger im Lindenlied als Spielmann ausgibt, um das Mädchen rumzukriegen und das auch noch schafft. Da fühl ich mich in meiner Spielmannsseele verletzt und das muß ich rauslassen. Deswegen ja auch das eher blues-betonte Gitarrenriff und vor allem das Gitarrenduell im Soloteil. Bernd übernimmt mit der ultra-verzerrten Gitarre die musikalische Rolle der Ritters, während ich mit den Blues Tonleitern wiederum den Spielmann vertrete, der am Schluß mit dem Bottleneck den letzten entscheidenden Ton spielt.

Wo hast du dieses wunderbare nordenglische Lied "Miri it is while summer ilast" aufgetan? Das is ja ein echtes Kleinod!
Das hat Sabine angeschleppt und es war sofort klar, das muss auf die CD, es wird auch eine Auskopplung mit einer Drei-Minuten-Version geben und eine Zweitverwertung für die neue "folk-earth"-CD, das wird eine echte Überraschung. "Zeychen der Zeyt" ist ja eine sprachlich kosmopolitische CD und da kam ein Text in altenglisch gerade richtig. Wir haben ja immerhin Lieder in acht verschieden Sprachen auf dieser CD.

Was hat es mit "Beltane" auf sich - wo habt Ihr dieses Lied gefunden? Wie kam es auf die Idee, dies als Duett zu zelebrieren?
Ich wollte schon lange mal ein echtes Minnelied schreiben und die reinste Form des Minneliedes ist das Tagelied - und das war auch der ursprüngliche Titel, Sabine meinte, dass Beltane als Titel wesentlich besser passt, denn der Hintergrund dieses Tageliedes ist ja heidnisch und beschreibt die keltische Beltane-Nacht. Deshalb auch das Duett. Eines der Attribute eines sogenannten Tageliedes ist das Zwiegespräch der Liebenden, bevor sie voneinander scheiden müssen. Ebenso der Gesang der Vögel und die aufgehende Sonne, wenn die Nacht den Kampf gegen den Tag verliert. Die Melodie ist aus zwei Melodien,  vermutlich aus dem 14 Jhd.,  zusammengesetzt.

Die sehr anspruchsvollen Nummern habt ihr kontrastiert mit - zugegebenermaßen - intelligenten Neufassungen von "All vol" und "Des Geyers schwarzer Haufen". Aber muss man diese Klopper noch bringen, sind die nicht inzwischen totgeritten?
Sie waren vielleicht tot, jetzt sind sie wieder lebendig. "Al vol" kennen wir ja meist nur als versoffenes Gejammer und hier geht es auch richtig zur Sache. Außerdem habe ich hier neue Strophen eingefügt und das Lied wird nicht vom fröhlichen Zecher, sondern vom schwer alkoholkranken gesungen - eben auch ein "Zeychen der Zeyt". Mit "Des Geyers schwarze Haufen" verhält es sich sehr ähnlich, und ich würde sagen, beide kommen aus dem gleichen Guss. Wir haben lange überlegt, ob wir es wagen sollen, dieses Lied, das uns mit Sicherheit einigen Ärger einbringen wird aufzunehmen, aber wie schon erwähnt gebe ich den Liedern die Gesichter, die sie verdienen, und es ist nun mal einer der härtesten Texte unserer Musikgeschichte, von dem wir uns inhaltlich distanzieren, der aber nur musikalisch hart und kompromisslos vertont werden kann. Dadurch erhält das Lied seine Berechtigung und nichts wäre hier falscher als Pfadfinder-Lagerfeuerromantik.

Achja, ganz vorsichtig gefragt: Ohne Palästinalied geht's auch nicht?!?
Nein, geht es nicht! Das Palästinalied ist für die ganze Band ein unerschöpflicher Quell an Interpretationsmöglichkeiten und es wird nie langweilig. Außerdem ist es tatsächlich ein Lieblingskind, und böse Zungen behaupten ja, ich hätte nur angefangen Musik zu machen, um dieses Lied spielen zu können. Tatsächlich war es das erste Mittelalterlied, das ich gespielt habe.

Du bist ja so ein Grenzgänger zwischen Mittelalter- und Gothicszene. Wo fühlst du dich mehr zuhause? Ist es nicht schwierig, oft zwischend den Stühlen zu sitzen?
Es sind die beiden Welten, die ich brauche, eine gibt Kraft und Erholung von der anderen, und so wird es nicht langweilig und man kann neue Kreativität schöpfen. Ich bin als Zwilling wohl schizophren genug, um in beiden Welten leben zu können - den Kopf in den Wolken, die Füße am Boden.

Bei deinem vorletzten Album "Carmina Mystica" - mit des Teufels Lockvögeln - sind mir zwei textliche Eingriffe aufgefallen. Zunächst Neidharts "Meie din": Da singst du in der Strophe 2 das Loblied des tugendsamen Mannes, dem das weibliche Geschlecht nie gram wird und verdrängst die Minneklage über die ungnädige Herrin, die das Flehen des Minnedieners nicht erhört, ganz ans Ende des Liedes (der Gedanke wird quasi nur angerissen, da du auch noch die Strophe nicht zu Ende singst). Gibt es dafür einen Grund?
Schön, dass Dir das aufgefallen ist. Es gibt natürlich einen Grund, und ich überlasse nichts dem Zufall. Jammern bringt nichts, vor allem bringt es nichts einer Liebe nachzutrauern, dadurch verbaut man sich selbst die schöne Zukunft und das Herz kann sich nicht für eine neue, größere Liebe öffnen. Die Weiterführung findet man in dem Lied "Du bist nit min", in dem der Sänger die Blindheit des hoffnungslos Verliebten verspottet, der fixiert auf die eine einzige Person alles um sich herum vergisst und verachtet. Wir werden alleine geboren und wir sterben alleine, dazwischen sind sehr viele Menschen; wichtige und unwichtige, aber eben sehr sehr viele und unsere "Zeyt" auf Erden ist zu kurz, um sie mit einem einzigen Menschen zu verbringen.

Und schließlich das wunderbare "Maria". Zunächst verwundert es sowieso, aus Deinem Mund ein Weihnachtslied zu hören. Im Original tragen die Dornen Rosen, als Maria mit dem Kind unter ihrem Busen vorbeischreitet. In Eurer Version tragen die Rosen Dornen. Steht da eine Absicht hinter?
Auch hier steht Absicht dahinter und sehr konkret. Zunächst ist es eines der schönsten Marienlieder, die es gibt, und ich wollte es schon immer aufnehmen, aber erst als während der Produktion von "carmina mystica" die Anfrage nach einem Weihnachtslied kam, haben wir im Studio alles liegen und stehen gelassen und uns sofort an die Arbeit gemacht. Es war wohl Schicksal. Zum Text. Ich knüpfe damit an die Rosendämon-CD "ales umb der holden frouwen minne" an. In der alten Zeit, lange bevor die Christen kamen, war die Rose die reine, göttliche Pflanze, erst durch die unreinen Menschen bekam sie Dornen. Durch die Unkehrung der beiden Wörter erhält der Text natürlich einen ganz anderen, viel tieferen Sinn und...  - der Rosendämon kehrt zurück!

Du hast ja schon lange das Erscheinen eines Mittelalter-Liederbuches angekündigt. Was ist damit?
Das Liederbuch ist fertig und liegt beim Verleger. Meine Arbeit ist getan und ich hoffe, dass es sobald als möglich auf den Markt kommt. Es ist ja keine Liedersammlung im herkömlichen Sinne. Das Buch enthält wertvolle Informationen und Geschichten zu den einzelnen Liedern, sowie Gitarrenbegleitung und ein  Tabulatursystem für diejenigen, die der Notenschrift nicht mächtig sind. Immerhin ist es ja mein Anliegen, die alten Lieder zu verbreiten und sie aus den Doktrinen einer elitären  musikalischen Gesellschaft und den dunklen Mauern der Klöster und Bibliotheken und der in Ehrfurcht ergrauten Eminenzen, denen sie anvertraut sind, zu befreien und jedermann zugänglich zu machen. Nur so können diese Lieder überleben.

Noch eine Frage zum Schluss: Du kannst ja die Pfaffen geißeln, die Hölle und das Laster preisen, dann wieder trittst du als karitativer Wohltäter auf und singst voll Inbrunsst Cantigas de Santa Maria und das fromme Lied vom Heiligen Land? Wo finden wir den wahren Marcus wieder?
Die Wahrheit liegt in dieser Komplexität, Sonnenlicht wirft Schatten und das Gute hat ohne das Böse keinen Wert. Ohne Lüge gibt es keine Wahrheit und schwarz und weiß sind schließlich keine Farben, sondern Helligkeiten. Ich bin ein Mensch und habe gute und schlechte Seiten, die ich beide nicht verhehle. Zudem bin ich ein religiöser Kosmopolit und den einzig wahren Glauben gibt es nicht.  Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ein jeder muß sie für sich selbst finden.  Ich zeige verschiedene Wege - gehen muß sie allerdings ein jeder selbst!!!

Danke fürs ausführliche Interview!