OUWE,
WAR SINT VERSWUNDEN...
Nach dem neuen Live-Album "Ouwe war" werden die Gerüchte immer lauter, dass eine Reunion der legendären Mittelalter-Rockband Ougenweide bevorsteht. Grund genug für uns, bei Frank Wulff, einem der Köpfe von Ougenweide, einmal ganz genau nachzufragen.
Ihr wart ja unbestreitbar die Pioniere des
Mittelalter-Rocks. Nach euch kam lange Zeit gar nichts! Heute gibt es Adaro,
Schandmaul, In Extremo und viele, viele mehr. Was sagt Ihr zu dem Boom
dieser Musikrichtung?
Nachdem wir uns 1985 mit "Ougenweide" von
den Konzertbühnen verabschiedet hatten, schien die Zeit des Folkrock
in Deutschland vorbei. Die entsprechenden Festivals veränderten sich
oder verschwanden gänzlich von der Bildfläche und viele Leute
schauten lieber Videoclips, anstatt in Konzerte zu gehen. Aber auch solche
Trends gehen glücklicherweise vorbei. Und dass heute junge Bands an
unsere Arbeit anknüpfen und viele von ihnen vor vollen Häusern
spielen und ein neues, junges Publikum für diese Musik begeistern,
finde ich sehr erfreulich.
Was von den aktuellen Produktionen gefällt
euch gut, was eher nicht so?
Dazu kann ich keine Stellung nehmen, weil
ich zu wenige der aktuellen Aufnahmen kenne, aber mein derzeitiger Lieblingsmusiker
im Bereich alte Musik heißt Jordi Savall und ist ein Meister auf
der Gambe, Rebec und Fidel und hat mit seinem Ensemble Hesperion XXI einfach
wunderbare CDs eingespielt. Ein anderer Musiker, den ich schon seit über
20 Jahren schätze, ist der leider viel zu früh verstorbene David
Munrow.
Seit Jahren erleben mittelalterliche Märkte
und Veranstaltungen einen großen Aufschwung. Fühlt Ihr Euch
auf solchen Veranstaltungen wohl? Seid Ihr neidisch, dass es zu "Eurer
Zeit" so etwas nicht gab?
Ich habe großen Spaß, mit meinen
Kindern von Zeit zu Zeit auf solche Märkte zu gehen und ein wenig
herumzustöbern oder den Musikern oder Gauklern zuzuhören und
-schauen. Diesen Sommer haben wir die Landshuter Hochzeit besucht und waren
sehr beeindruckt, mit welcher Liebe und Akribie die Kostüme, Rüstungen,
Wagen und sonstigen historischen Gegenstände gefertigt waren. Zum
Thema Neid kann ich nur sagen: Wer es nicht schafft, sein persönliches
Neidgefühl in den Griff zu bekommen und möglichst aus seinem
Leben zu verbannen, der vergiftet sich im Extremfall selbst. Heißt
es nicht, dass der Neid an einem Menschen nagt?
Wie
seid Ihr eigentlich damals auf die Idee gekommen, mittelhochdeutsche Texte
mit Rock-Rhythmen zu verbinden? Das liegt ja nicht gerade nahe...
Wir sind alle musikalisch Kinder der 60er
Jahre und saßen in Hamburg sozusagen an der Quelle. Allein im Star
Club haben nicht nur die Beatles gespielt, sondern auch Jimi Hendrix, The
Nice, Taste, Vanilla Fudge, Spencer Davies mit Stevie Winwood, und, und,
und! Olaf Casalich und Jürgen Isenbart haben zu der Zeit schon im
Star Club und in den anderen Clubs gespielt. Daher die Rockeinflüsse.
Olaf, der seine Kindheit bis zur großen Sturmflut 1962 auf der anderen
Elbseite in Waltershof verbrachte, hatte dort in der Schule Unterricht
in Mittelhochdeutsch, und er hatte auch die Idee, einen mittelhochdeutschen
Text von Neidhart von Reuenthal zu vertonen. Dieser erste Song gab unser
Band auch den Namen "Ougenweide".
Ihr habt ja nicht nur alte Texte, sondern auch
viele alte Melodien - vor allem der Minnesänger und Troubadours -
verarbeitet, dazu kamen eigene Schöpfungen. Viele dieser Lieder werden
heute noch gesungen, ohne dass die Interpreten wissen (oder angeben), dass
die Musik von euch stammt. Findet Ihr das gut oder stört euch das?
Für mich ist es zu allererst ein sehr
schönes Gefühl, wenn ich höre, dass meine Kompositionen
von anderen Musikern neu interpretiert werden oder es in ein Liederbuch
geschafft haben, weil dadurch die Musik weiterlebt. Und den Unwissenden
sei es verziehn, die anderen müssen es mit ihrem Gewissen ausmachen,
wenn sie bewusst die Urheberschaft verschweigen.
Eine Frage zu eurem heute wohl am weitesten
verbreiteten Lied, dem ersten Teil aus Walthers Elegie, von Euch unter
dem Titel "Ouwe" herausgebracht. Gerade war das Lied Titelstück Eures
2005 erschienenen Live-Albums "Ouwe war". Ist die Musik eine völlige
Eigenschöpfung oder habt Ihr eine mittelalterliche Originalmelodie
verwendet?
Die Musik zu dem "Ouwe"-Text stammt von mir
ohne eine historische Vorlage, komponiert an meinem 150 Jahre alten kleinen
Harmonium, das wir heute noch in unserem Studio gerne spielen.
Euer 2004 veröffentlichtes Live-Album
trägt den Titel "Wol mich der Stunde", ebenfalls nach einem Walther-Lied.
Warum fehlt ausgerechnet dieser Song auf dem Album? Ihr habt doch die alte
Troubadourmelodie, zu der Walthers Text gesungen wird, in raffinierter
Folkrock-Manier bearbeitet, die ein wenig an Jethro Tull erinnert!
Das ist einfach zu beantworten, es ist leider
bislang keine wirklich brauchbare Aufnahme aufgetaucht, die wir auf einer
CD hätten veröffentlichen können. Spätestens beim Krummhornsolo
hat man bei den Aufnahmen, die wir gefunden haben, den Eindruck, einer
Stichsäge beim Musizieren zuzuhören.
Und "Bald anders", eins eurer beliebtesten
und ausgefeiltesten Stücke - das hätte doch auch auf diese Best-Of-Collection
gehört? Beim neuen Live-Album fehlt dieses Juwel auch wieder!
Dasselbe gilt für "Bald anders", viele
Bänder sind leider über die Jahre verloren gegangen, und so existiert
keine einigermassen gute Aufnahme von diesem Lied.
Was mir bei dem 2004er-Album auffällt,
ist die extrem unterschiedliche Tonqualität! Während einige Aufnahmen
ganz akzeptabel vom Sound sind, gehen andere eigentlich nur als "historisch-authentische
Tondokumente" für Nostalgiker durch. War es nicht möglich, das
ganze einheitlicher zu gestalten und klanglich noch mehr aufzubessern?
Mehr konnten wir aus dem Material klanglich
nicht herausholen. Die Originale klangen zum Teil wesentlich abenteuerlicher.
Die meisten der Aufnahmen stammen von 2-Spur Cassettenrecordern oder uralten
Tonbandgeräten, teilweise haben wir sogar die Mono-Tonspur von alten
Video Konzertmitschnitten in den Rechner übertragen und nachbearbeitet.
Bei der Arbeit an "Ouwe war" hatten wir die Möglichkeit, auf aufgetauchte
16 Spur Aufnahmen zurückzugreifen und diese neu abzumischen, daher
dieser Qualitätssprung!
Warum ist Ougenweide eigentlich auseinandergegangen?
Die Band war doch ein echtes Unikum und hatte treue Fans, Eure Konzerte
waren wahre Volksfeste! Fehlt einem dann nichts, wenn das wegbricht?
Wir haben von 1973 bis Anfang 85 in unveränderter
Besetzung zusammen gearbeitet. Heutzutage ein fast unvorstellbarer Zeitraum
für viele Bands. In den 70ern hatten eine gemeinsam getragene Idee,
sozusagen einen roten Faden, den wir in den 80ern mehr und mehr verloren.
Eigentlich versuchte in der Zeit jeder von uns seinen persönlichen
Musikgeschmack in die Kompositionsarbeit einfließen zu lassen. Und
da das Geschmacksspektrum äußerst breit gefächert war,
gingen wir immer öfter Kompromisse ein, die unserer Musik nicht unbedingt
gut taten. Zudem wandelte sich der Musikgeschmack in Richtung Punk, New
Wave, Neue Deutsche Welle und Synthie Pop. In unsere Konzerte kamen immer
weniger Zuhörer. Die einzige finanziell erfolgreiche Tournee der 80er
Jahre war zum Beispiel unsere Abschiedstournee 1984/85 Das alles führte
dazu, daß sich "Ougenweide" auflöste und wir alleine zu neuen
Ufern aufbrachen.
Wie habt Ihr Euch so durchgeschlagen bis heute?
Du hast ja mit Deinem O-Ton-Studio einen ziemlichen Erfolg. Was ist mit
dem Rest der Band: Seid ihr alle der Musik treu geblieben?
Ich glaube, dass alle eine ganze Weile zur
Neuorientierung brauchten, aber bis auf Minne machen bis heute alle Musik.
Olaf spielt in verschiedenen Bands und unterrichtet Percussion, Wolfgang
schreibt Filmmusik und manchmal arbeiten wir zusammen an Hörbuchprojekten,
"Die Königin der Farben" ist solch eine gemeinsame Arbeit. Eigentlich
ein wunderbares Bilderbuch für Kinder, haben wir auf Anregung der
Hamburger Hörcompany daraus eine CD gemacht, auf der die Geschichte
zu einem großen Teil über die Musik erzählt wird. Zur Zeit
sitzen wir an "Opas Engel", einer weiteren Bilderbuchvertonung, die im
Frühjahr veröffentlicht werden soll. Jürgen spielt mit Freunden
zum Spaß und hat sich im norddeutschen Raum einen Namen als Fernsehkoch
der anderen Art gemacht. Die "Hans-Dampf"-Kochshow hat anscheinend mittlerweile
Kultcharakter, aber wer von den Fans sich an Jürgens damalige Ansagen
erinnern kann, der weiß auch warum! Dass Minne sich von der Musik
verabschiedet hat, bedaure ich sehr, beim unserem Konzert anläßlich
der Veröffentlichung von "Wol mich der Stunde" vor einem Jahr,
hat sie derartig gut gesungen und eine Bühnenpräsenz gezeigt,
die nicht nur uns, sondern auch das Publikum völlig verblüfft
hat. Stefan und ich arbeiten häufig zusammen, aber auch getrennt an
verschiedenen Projekten, zum Beispiel Theaterinszenierungen oder als Livemusiker
oder am Mischpult. Seit ca. 6 Jahren arbeiten wir zusammen mit Hinrich
Dageför an unseren Filmmusikaufträgen und Liveprojekten, zum
Beispiel mit dem Schauspieler und Sänger Christian Redl auf der CD
"Was ich liebte, hab ich umgebracht". Dann arbeiten wir zusammen seit Jahren
mit Etta Scollo, einer wunderbaren sizilianischen Sängerin, die seit
langem in Deutschland lebt. In diesem Jahr waren wir mit ihrem "Canta Ro"
Programm auf Deutschlandtournee. Seit 3 Jahren spiele ich auch wieder in
der Achim Reichel Band und Stefan sitzt am Mixer und ist für den Livesound
verantwortlich. In den letzten Wochen haben wir zusammen mit Achim bei
uns im Studio an der neuen Achim-Reichel-CD gearbeitet. Ich will nichts
verraten, aber ich bin sicher, dass es eine besondere CD wird.
Warum gibt es eigentlich Eure alten LPs eigentlich
immer noch nicht vollständig auf CD? Der Markt dafür müsste
doch vorhanden sein?!?
Da wir keine Rechte an den alten Aufnahmen
besitzen, sondern die Rechtsnachfolger der Polydor, konnten wir in dem
Fall keinen Einfluss nehmen. Um so erfreulicher ist, dass auf dem Bear-Family-Label
die ersten 4 Ougenweide LPs auf zwei CDs 2006 endlich wiederveröffentlicht
werden, und hoffentlich auch im Laufe der Zeit die übrigen.
Die Gerüchteküche brodelt seit Eurer
Vorstellung des Live-Albums im letzten Jahr. Also ganz direkt gefragt:
Wird es eine Reunion geben? Wird es eine neues Album und eine Tour geben
oder ist das alles aus der Luft gegriffen und Ougenweide ist ein schönes,
aber längst abgeschlossenes Kapitel der deutschen Pop-History?
Ganz klar gesagt, es wird keine Reunion in
der alten Besetzung geben, sowohl Minne als auch Wolfgang haben das klar
für sich entschieden. Vielleicht spielen wir mal wieder wie im letzten
Jahr in Hamburg, wenn der Anlass stimmt, aber höchstens im kleinen
Rahmen. Was aber stimmt: Wir arbeiten seit längerer Zeit an einem
neuen Album. Wir haben in Sabine Maria Reiss eine wunderbare neue Sängerin
gefunden, von der alten Besetzung sind Olaf, Stefan und ich dabei, Hinrich
Dageför spielt Gitarre und viele andere Instrumente und am Schlagzeug
sitzt Martin Engelbach. Wir haben uns fest vorgenommen, 2006 die CD zu
veröffentlichen, und wenn alles gut läuft, werden wir auch wieder
Konzerte geben.
Am Ende bitte noch einen Ausblick: Gibt es
interessante musikalische Projekte Eurerseits in der nächsten Zeit?
Die neue Ougenweide CD hat Priorität,
aber es wird im Januar eine neue Christian Redl CD geben, die unter dem
Titel "Das wilde Herz" bei Sireena erscheinen wird und die wir auch Live
präsentieren wollen. Geplant war schon dies Jahr die Zusammenarbeit
mit dem Berliner Minnesänger Hans Hegner an einem Minneliederalbum,
das nun hoffentlich im nächsten Jahr aufgenommen wird.
Dein sehnlichster Wunsch?
Dass der Song "Imagine" von John Lennon, wider
Erwarten, Realität wird.
Das Interview führte Dr. Lothar Jahn im Dezember 2005