Glückliche Menschen auf und vor der Bühne – Am 7. Dezember 2006
war es soweit: Ougenweide gaben ihr erstes Konzert in neuer Besetzung.
21 Jahre nach ihrer Abschiedstournee, 9 Jahre nach einzelnen Konzerten
mit dem "Sol"-Programm und 2 Jahre nach einem Auftritt in historischer
Originalbesetzung, der als Record-Release-Party ihrer Live-CD "Wol mich
der stunde" im Hamburger Knust stattfand und von David Klingenberger
auf www.jazzdisc.de so liebevoll als "Sechser im Lotto" bezeichnet
wurde. Nun also die Premiere in der rockgeschichtsträchtigen Music
Hall Worpswede, ein zweiter Auftritt folgte am 10. Dezember in
Oberhausen.
Von der ursprünglichen Besetzung blieben Olaf Casalich (Gesang,
Perkussion), Frank Wulff (Gitarren, Mandoline, Flöten, Schalmei,
Drehleier, Gambe und einiges mehr!) und Stefan Wulff (E- und
Kontrabass), neu hinzu kommen Sabine Maria Reiß (Gesang), Hinrich
Dageför (Gitarren, Fidel), der seit langem mit den
Wulff-Brüdern im Ougenweide O'Ton-Studio Film- und Theatermusik
produziert, Martin Engelbach (Schlagzeug) und als Gast Krysztof Gediga
(Akkordeon, Harmonium, Klarinetten).
Das Konzert begann, wie könnte es passender sein, mit dem
Namensgeber "Ougenweide", einer Neidhart-Vertonung aus dem Jahre 1969,
dann folgte eine gut gewählte Mischung aus den Klassikern der
ersten vier LPs (die jetzt endlich auf zwei CDs bei Bear Family Records
vorliegen), mehreren Titeln der "Sol"-CD von 1996 und einigen neuen
Stücken, die einen sehr schönen Vorgeschmack einer geplanten
Neuproduktion geben. Besonders eindrucksvoll empfand ich die
Vertonungen eines Textes von Mechthild von Magdeburg "Diu minne ist
groezer dan die berge" und des bewegenden Gedichtes "Wenn ich tot bin,
mein liebster Mann" von Christina Rossetti aus dem Jahre 1848.
Wenn ich meinen Gesamteindruck des Konzertes mit einem Satz auf den
Punkt bringen wollte, würde ich sagen: Glückliche Menschen
auf und vor der Bühne!
Die wesentliche Frage aber, die mir unmittelbar nach dem Konzert auf
der Zunge lag, um sie der geneigten Leserschaft einer
Mittelalter-Website zu stellen, ist folgende: Hat diese Band und dieses
Konzert etwas mit der uns wohlbekannten Mittelalter-Szene zu tun?
Die Antwort heißt: Zum Glück viel – und zum Glück wenig, zugleich.
Zum Glück viel, denn – jetzt frag' ich mal ehrlich in die
vertraute Runde: Was und wo wären wir alle ohne Ougenweide?
– Gut, es gäbe Ensembles für Alte Musik, welche
vermutlich heute auch etwas lebendiger klingen würden als vor 30
Jahren, und wahrscheinlich hätte uns die Wiederentdeckung des
Mittelalters in anderen Ländern auch über die Folk- und
Weltmusik erreicht. Aber hierzulande waren es nun einmal Ougenweide,
die das Mittelalter in den frühen 70er Jahren völlig
überraschend in die Jugend-Musikkultur eingeführt haben
(hierzu kann ich als Lektüre die von Ken Hunt geschriebenen
CD-Booklets der Wiederveröffentlichungen "Ougenweide/All die weil
ich mag" und "Ohrenschmaus/Eulenspiegel" sehr empfehlen).
Ougenweide-Konzerte waren damals wahre 'Folks'feste (ich selbst hatte
das Glück und die fröude, in den Jahren 1977-85 elf jeweils
aktuelle Konzertprogramme zu erleben), ihre insgesamt neun LPs waren
bei Hörern unterschiedlichster Musikrichtungen verbreitet, und
wenn man Musiker von Mittelaltermusik heute nach ihren ersten
Anregungen fragt, kommt man immer wieder auf Ougenweide
zurück.
Und zum Glück wenig: Weil die Musik so klingt und das Auftreten
der Band so über die Bühne geht, als gäbe es die
Mittelalterszene gar nicht, als hätte es sie nie gegeben. Anders
herum gedacht: Wäre da eine neue, junge Band am Werk, man
könnte mit Fug und Recht jubeln, wie vollkommen eigenständig
und frisch sie an die Sache herangehen, mittelalterliches Material mit
Rock, Folk und Jazz zu verbinden, stilistisch zeitlos ohne modische
Andienung, dafür mit viel Geschmack, ansteckender Spielfreude und
hohem musikalischen Können. Fast schon auffällig auch die
Abwesenheit jeglicher aufgesetzter Bühnenshow, für Ougenweide
selbstverständlich und ganz wie bei guten Jazz- oder Folkmusikern
üblich – aber so selbstverständlich halt nun auch
wieder nicht: kein Stargehabe und keine klischeehaften Traumschablonen
einer Mittelalter-Märchenwelt, dafür sympathische Musiker mit
dem gewissen Etwas – dem Charme und der Ausstrahlung glücklicher
Menschen eben.
>> Demnächst treten Ougenweide beim Burg-Herzberg-Festival auf, am
22.6.07, 14 Uhr. Weitere Konzerte werden bestimmt und hoffentlich folgen - haltet also "ôren unde
ougen" offen!
