REZENSION
von www.spielleut.de
Rezensent: Robert Schuchardt
veröffentlicht: April 2007

"Saget mir jeman: Waz ist Minne?" - Kompilation verschiedener Künstler zu Walther von der Vogelweide.

Die vorliegende CD verschiedener Künstler beschäftigt sich, wie der Titel schon sagt, mit den Werken Walthers und soll einen Überblick über sein Schaffen aus musikalischer Sicht geben. Zusammengetragen wurden die Stücke durch Dr. Lothar Jahn, einem Musikwissen-schaftler, der sich selbst auch auf der CD verewigt hat. So weit zum rein faktischen Teil dieser Rezension...

Wenn man einen ersten Blick auf das Cover der CD wirft, ist man überrascht, wie viele verschiedene Titel Walthers darauf sein sollen. Beim nähreren Hinsehen entpuppen sich die meisten davon dann allerdings als selbstvertonte oder eigenkomponierte Stücke, bei denen nur der originale oder in manchen Fällen auch der eingedeutschte Text verwendet wurde. Und hier liegt auch das große Problem dieser bunten Sammlung - die meisten der selbstvertonten Lieder sind ohne die Verwendung mittelalterlicher Stilistik arrangiert - teilweise sehr modern unter Verwendung von Akkordbegleitung und selbst eine E-Gitarre darf da nicht fehlen.

 

Wenn im Cover von einer "Laute" die Rede ist, dann handelt es sich bei den erklingenden Instrumenten aber zum Großteil um die so genannten "Wandervogellauten" - eher verwand und gestimmt wie eine normale Gitarre. Es gibt aber auch einige Ausnahmen, die wir gern hervorheben möchten. Da sind zum einen die Ioculatores mit authentischer Besetzung: Laute (echt!), Fiedel und Gesang. Auch die Stücke von Knud Seckel sind relativ sanft und mit viel Sorgfalt in die heutige Zeit gebracht.
Das Gros der anderen Stücke kann aber nicht überzeugen, neben der oben genannten unklaren Stilistik kommen hier vor allem gesangliche Schwächen einiger Künstler ans Tageslicht. Da kann es schon mal passieren, dass man bei dem ein oder andern Titel ganz schnell die Lust am Zuhören verliert.

Fazit: Die hier vorgelegte Kompilation mit Liedern Walthers ist ein Novum und auch ein Experiment, das leider aus meiner Sicht nicht geglückt ist. Wer sich neu vertonten Minnesang in möglichst historischer Form anhören will, der greift lieber zur CD "Nu wol ûf, ritter, ez ist tac!" von den Freiburger Spielleyt. Und wer es eher im folkigen Gewand mag - Ougenweide hat wohl jeder von uns noch irgendwo im Schrank... (rs)


Zwei kurze Anmerkungen zur Rezension:

1. Von 19 Stücken auf der CD gehen 12 direkt auf mittelalterliche Vorlagen zurück (Quellenangaben hier), ein weiteres benutzt eine Vorlage aus der Renaissance.  Bleiben ganze 6 Neuvertonungen, also beileibe nicht "die meisten"!  Die Art, wie diese Vorlagen umgesetzt werden, ist zugegebenermaßen sehr heterogen - das Spektrum reicht vom A-cappella-Klang über spärlich begleitete Stücke bis hin zu Umsetzungen, die von Folk, Rock oder World Music beeinflusst sind. Die Stilistik ist damit aber nicht "unklar", sondern vielfältig und abwechslungsreich: Jeder einzelne Künstler hat dabei seinen eigenen, klaren Stil.

2. Die CD erhebt an keiner Stelle den Anspruch, Walther ausschließlich in historisch-authentischer Form darzubieten. Ganz abgesehen davon, dass das nach der spärlichen Quellenlage ohnehin ein vergebliches Unterfangen wäre, ist es ja gerade das Konzept, Walther aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Ausgewählt wurden eigenwillige Künstler, die sich auf ihre ganz besondere Art mit dem Minnesang frisch und lebendig auseinandersetzen - vom puristischen Wohlklang eines Knud Seckel bis hin zum bösen Spottlied eines Marcus van Langen. Walthers Texte haben ein Spannbreite, die all das rechtfertigt. Und wenn Ougenweide dabei sogar zur E-Gitarre greifen, Poeta Magica zum Fretless Bass oder Michael Hoffkamp zum "Gottseibeiuns" Gitarrenlaute, so machen sie's doch stets in Respekt vor dem vertonten Text. Ganz wie Walther, der "singt, was er will, in kurzen oder langen Weisen, und so bereichert er das Spiel der Welt"
("Hêr Volcnant").

Dr. Lothar Jahn, Mai 2007